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Gathmann Michaelis und Freunde | Detail

Babys niemals schütteln! Was Eltern tun können, wenn sie an ihre Grenzen stoßen

| Kinder

Schon kurzes Schütteln kann Säuglinge in Lebensgefahr bringen. Eine Expertin erklärt, was bei einem Schütteltrauma passiert und wie Eltern in Extremsituationen richtig reagieren.

Viele junge Eltern kennen die Situation: Das Baby schreit unaufhörlich. Stundenlang tragen sie es herum, füttern, wickeln, wiegen und trösten. Doch das Schreien hört nicht auf. In solchen Momenten verspüren manche in ihrer Verzweiflung den Impuls, das Kind zu schütteln. Doch das wäre fatal.  

Schütteln ist Kindesmisshandlung

Schon leichtes oder kurzes Schütteln kann Babys schwere körperliche und geistige Schäden zufügen. Manche überleben das ruckartige Schütteln nicht. „Das Schütteln ist eine spezielle Form der Kindesmisshandlung“, verdeutlicht Professor Dr. Dragana Seifert, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). 
Die Ärztin untersucht Kinder, bei denen der Verdacht auf Misshandlung besteht. „Die meisten Eltern, deren Babys ein Schütteltrauma erleiden, handeln nicht aus böser Absicht. Sie sind schlichtweg überfordert und wollen, dass das Schreien aufhört.“ Dieses Verhalten sei zwar menschlich, aber nicht zu entschuldigen. Denn die Folgen sind alles andere als trivial.

Was beim Schütteln passiert

Babys unter einem Jahr haben schwache Nackenmuskeln und können ihren im Vergleich zum Körper sehr schweren Kopf nicht halten. Beim Schütteln schleudert dieser vor und zurück, das Gehirn prallt gegen den Schädel. „Alles gerät durcheinander und das noch unvollständig entwickelte Gehirn wird geschädigt“, erklärt die Ärztin. Einige Kinder zeigen keine Symptome, andere werden apathisch, bewusstlos, bekommen Atemaussetzer oder Krampfanfälle. Manche sterben. 

Langfristige Schäden

Laut Statistischem Bundesamt werden pro Jahr zwischen 100 und 200 Babys Opfer eines Schütteltraumas. Expertinnen und Experten schätzen, dass vier von fünf betroffenen Kindern sterben oder lebenslang behindert bleiben. Die Dunkelziffer ist hoch, da viele Eltern ihr Kind aus Scham oder Unwissenheit nicht ins Krankenhaus bringen. „Selbst Kinder, die sich scheinbar erholen, leiden später vielleicht an Entwicklungsverzögerungen, Seh- oder Sprachstörungen“, warnt Dragana Seifert. „Die Spätfolgen werden jedoch nur selten mit einem Schütteltrauma in Verbindung gebracht. Eltern müssen wissen: Schütteln ist immer gefährlich.“  

Grafik: DSH

Alles, nur nicht schütteln

Die Rechtsmedizinerin engagiert sich gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in der Präventionskampagne #schüttelntötet. Sie klärt Eltern über die Gefahren des Schüttelns auf und gibt Tipps für Krisensituationen, etwa wenn das Baby nicht aufhört, zu schreien. „Wer kurz davor ist, die Kontrolle zu verlieren, sollte sich sofort von dem Kind entfernen und etwas anderes tun“, rät Seifert. „Alles ist besser, als das Baby zu schütteln.“ 

Kind sicher ablegen und Raum verlassen

Eltern, die nicht mehr weiterwissen, sollten das Baby ins Bettchen oder auf eine weiche Unterlage auf den Boden legen. Danach sollten sie den Raum verlassen, tief durchatmen, ein Glas Wasser trinken oder mit jemandem sprechen. „Es ist nicht schlimm, ein schreiendes Baby kurz allein zu lassen, um sich der Situation zu entziehen“, beruhigt Dragana Seifert. „Solange es sicher liegt, nicht krank ist oder zu ersticken droht, passiert ihm nichts.“ Eltern, die eine Eskalation befürchten, sollten sich nicht scheuen, die Notfallhotline anzurufen. „Die Beraterinnen und Berater verurteilen niemanden – sie hören zu, beruhigen und helfen.“

Tipps für verzweifelte Eltern

Was tun, wenn das Baby nicht aufhört zu schreien:

  • das Baby sicher ablegen
  • den Raum verlassen
  • durchatmen, etwas trinken, mit jemandem sprechen
  • 24/7-Hotline anrufen: Tel. 0152-22 89 52 61

Weitere Informationen und Verhaltenstipps: schuettelntoetet.de

Foto: Halfpoint/stock.adobe.com

Babyschreien ist nicht Schuld der Eltern

In den ersten Lebensmonaten schreien Babys oft – es ist ihre einzige Möglichkeit, Bedürfnisse auszudrücken. Mit der Zeit entwickeln Eltern ein Gespür dafür, was ihr Kind braucht. Schreit ein Baby jedoch ungewöhnlich lange oder intensiv, sollten Eltern in Kinderarztpraxen oder bei Hebammen um Rat fragen. Bei sogenannten Schreibabys empfiehlt Dragana Seifert, miteinander offen über die Extremsituationen zu sprechen. „Wechseln Sie sich ab, entlasten Sie sich gegenseitig und nehmen Sie Hilfe an,“ rät sie. Vor allem sollten Eltern sich keine Vorwürfe machen. „Es ist nicht ihre Schuld, wenn das Baby viel schreit.“

- Cgr

Foto: (Titelbild):  lenblr/stock.adobe.com

 

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