Neue Wohnformen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen

46 Jahre lang haben Ingeborg Betco (77) und ihr Mann Dieter (81) in einer Doppelhaushälfte im Süden von Berlin gelebt. Irgendwann einmal dort raus zu müssen, war für sie unvorstellbar. Das Treppensteigen wurde zwar immer beschwerlicher, war aber noch nicht unmöglich. Und die Alzheimer-Erkrankung des Mannes schritt nur langsam voran.

„Im vergangenen Sommer habe ich mir mit dem Gedanken ‚für irgendwann mal‘ das Seniorenzentrum St. Konrad bei uns im Viertel angesehen“, sagt Ingeborg Betco. Das Seniorenzentrum bietet neben vollstationärer Pflege und Kurzzeitpflege auch Servicewohnen – 61 Appartements mit Betreuungs- und Hilfsangeboten, die bei Bedarf in Anspruch genommen werden. „Das ist für die Bewohner so was wie ein Sicherheitsnetz“, beschreibt Seniorenberaterin Barbara Pelz.

Als im Frühsommer ein Zwei-Zimmer-Appartement frei wurde, ist das Ehepaar eingezogen. „Im Nachhinein würde ich sagen, das war ein Fingerzeig. Alleine wären wir nicht mehr zurechtgekommen“, meint die Seniorin. Im August stürzte Dieter Betco, kugelte sich die Schulter aus und zog sich einen Riss im Oberarm zu. „Nach dem Krankenhaus kam er zwei Wochen in die Kurzzeitpflege nebenan. Ich habe es einfach nicht mehr geschafft, ihn ins Bett rein- und rauszubekommen.

Anschließend haben wir vier Wochen ambulante Hilfe genutzt.“ Anfang Dezember passierte der zweite Unfall samt einer Oberschenkelhalsfraktur. Heute hat Dieter Betco Pflegestufe 2. Seine Frau ist zwar durch eine Herzerkrankung und eine Prothese im Knie belastet, aber nach wie vor sehr agil. Ihr kommen die Freizeitmöglichkeiten des Hauses entgegen. „Montags gehe ich immer zum Chor. Und freitags gibt es alle 14 Tage einen literarischen Zirkel. Von zuhause wären mir solche Aktivitäten zu mühsam gewesen. Aber hier habe ich sie vor der Wohnungstür, im Haus“, berichtet sie.

 

Selbstständiges Wohnen mit Sicherheitsnetz

Was bei der einen Organisation „Servicewohnen“ heißt, nennt sich andernorts „Betreutes Wohnen“, „Begleitetes Wohnen“ oder auch „Wohnen mit Service“. Diese Begriffe sind nicht geschützt und werden auch nicht einheitlich verwendet. Unter der Trägerschaft etwa von Wohlfahrtsverbänden, Vereinen oder kommerziellen Dienstleistern hat sich deutschlandweit ein breites Spektrum von Modellen entwickelt.

Wer eine solche Wohnform sucht, muss die Leistungs- und Preisgestaltung genau prüfen. Wichtige Aspekte sind neben Größe, Zuschnitt und Lage der eigenen Wohneinheit die Größe des Hauses und der Gemeinschaftseinrichtungen, die eventuelle Anbindung an eine Pflegeeinrichtung und das Angebot an Dienstleistungen.

Die monatlichen Kosten für Betreutes Wohnen setzen sich aus der Miete für die eigenen vier Wände und einer Pauschale für die sogenannten Grundleistungen zusammen. Diese sollten auf jeden Fall einen haustechnischen Service, ein Notrufsystem, Beratungsleistungen etwa bei Behördenangelegenheiten, die Vermittlung und Organisation von weiteren Leistungen und die Verwaltung der Gemeinschaftsräume umfassen. Für die sogenannten Wahlleistungen wie ambulante pflegerische Hilfsleistungen, Fahr- oder Einkaufsdienste entstehen nur dann Kosten, wenn sie tatsächlich genutzt werden.

Eine besondere Ausprägung des Betreuten Wohnens ist das „Bielefelder Modell“: In bestehenden Wohnquartieren vermietet die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft barrierefreie Wohnungen an ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung. Vor Ort ist ein sozialer Dienstleister mit einem Servicestützpunkt und einem umfassenden Leistungsangebot rund um die Uhr vertreten, auf den alle Mieter im Bedarfsfall zurückgreifen können. Und nur dann zahlen sie dafür. Ein Wohncafé ist ein Treffpunkt zum Beispiel für gemeinsame Mahlzeiten. „Pflegebedürftige Mieter haben Versorgungssicherheit ohne zusätzliche Grundkosten. Sie können sehr selbstbestimmt wohnen und sind nicht sozial isoliert“, fasst Andrea Beerli, Beraterin beim Forum Gemeinschaftliches Wohnen e. V., zusammen.

Pflegenden Angehörigen nehmen alle Formen des Betreuten Wohnens einen großen Teil der Organisation des Pflegealltags ab. Das spart Aufwand, Kraft, Zeit und Wege. Ganz besonders interessant ist diese Wohnform für Paare, bei denen einer von beiden Pflege braucht, der andere sich damit jedoch überfordert fühlt und auch befürchtet, in absehbarer Zeit selbst Hilfe zu benötigen.

 

Alternative gemeinschaftliche Wohnformen

Die familienähnliche Alternative sind gemeinschaftliche Wohnformen in Eigenregie. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen können sich mit anderen Betroffenen zusammentun und gemeinsam eine große Wohnung mieten, in der jeder ein eigenes Zimmer bewohnt. Küche und Bad werden gemeinsam genutzt.

In einer Hausgemeinschaft leben die einzelnen Parteien stärker voneinander abgegrenzt in separaten Wohneinheiten. Eine Sonderform der Hausgemeinschaft sind Mehrgenerationenwohnhäuser.
Voraussetzungen für solche gemeinschaftlichen Wohnformen sind Aufgeschlossenheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft aller Bewohner. Die wechselseitige Unterstützung ist ein wichtiges Element im Miteinander.

Hinzu kommen organisatorische Erleichterungen etwa durch die Nutzung desselben ambulanten Pflegedienstes. „Die Gründung einer solchen Wohnform ist eine privatwirtschaftliche Sache. Sie erfordert sehr viel Eigeninitiative“, sagt Beraterin Beerli. Passende Bewohner müssen sich finden. Sie müssen zum Beispiel geeigneten Wohnraum auftreiben, umfangreiche Absprachen für das Miteinander treffen und sich auf Dienstleister einigen. All das ist nicht von heute auf morgen zu schaffen; es ist daher in einer akut auftretenden Pflegesituation unrealistisch.

Wer ein solches Modell anvisiert, muss es frühzeitig angehen. „Ich würde jedem, der sich so etwas vornimmt, raten, mit einem realisierten Projekt in der Nähe Kontakt aufzunehmen, um von den Erfahrungen anderer zu profitieren“, sagt Beerli. Allerdings ist es wegen der privaten Organisationsform gar nicht so einfach, eine bestehende WG oder Hausgemeinschaft zu finden. Das ist ein großes Problem für alle, die Vorbilder suchen, und für alle, die einen freien Platz suchen.

„Man kann sich bei Seniorenservicebüros, Pflegestützpunkten oder Wohnberatungsstellen erkundigen“, schlägt Beerli vor. In Schleswig-Holstein ist zum Beispiel die Kieler Koordinationsstelle für innovative Wohn- und Pflegeformen im Alter eine wichtige Anlaufstelle. In Berlin hat die Senatsverwaltung ein Online-Informationsportal zum Thema „Wohnen im Alter“ eingerichtet.

Quelle: „Zu Hause pflegen – gesund bleiben!“ Infobrief für pflegende Angehörige
Ausgabe Sommer 2014
Herausgeber: Aktion DAS SICHERE HAUS und Partner