Tabuthema Gewalt

Eine Pflegebedürftigkeit kann die Beteiligten körperlich und seelisch an ihre Grenzen bringen. Gewalt kann eine Folge der Überforderung mit einer Situation sein. Beide Richtungen der Gewalt, ob gegen Pflegende oder gegen Pflegebedürftige, sind in der häuslichen Pflege verbreitet. Betroffene müssen lernen, mit kritischen Situationen richtig umzugehen und sich rechtzeitig Unterstützung zu holen.

Die vielen Gesichter von Gewalt

Schlagen, Kneifen oder grobes Festhalten sind bestimmte Formen körperlicher Gewalt. Der impulsive und aggressive Einsatz von körperlicher Kraft gegen eine andere Person ist eine Machtausübung und Unterdrückung, die für das Gegenüber einschüchternd und kränkend sein kann, auch ohne physische Verletzungen.

Ebenso gibt es verbale und nonverbale Gewalt ohne Körperkontakt: eine Person zu einer Handlung zwingen, wie Anziehen, Aufstehen oder Essen; Drohungen, Vorwürfe und respektloses Verhalten; übermäßige Ungeduld oder Kontrolle; Verweigern von Unterstützung oder ein zu langes oder bewusstes Wartenlassen. Viele nutzen diese Gewaltformen unbewusst, um die eigene Unzufriedenheit auszudrücken, ohne dass es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen soll.

Eine besondere Form der Gewalt- oder Machtausübung sind freiheitsentziehende Maßnahmen. Dies betrifft etwa das Einschließen in der Wohnung, ein Hochstellen der Bettgitter oder das Fixieren auf einem Stuhl. Pflegende tun dies häufig zum Schutz Pflegebedürftiger, damit sie nicht weglaufen oder aufstehen und stürzen. Rechtlich ist dieses Verhalten problematisch. Die Maßnahmen gelten als Freiheitsberaubung und bedürfen eines richterlichen Beschlusses.

Die große Gefahr bei gewaltbereitem Handeln besteht in der Gewaltspirale. Die Bereitschaft nimmt zu, mit Gewalt und Aggressionen auf unangenehme Situationen zu reagieren.

Ursachen von Gewalt

Pflegende und pflegebedürftige Personen können beide Auslöser für Gewalt sein. Für den Umgang mit pflegebedürftigen Personen spielt die eigene Persönlichkeit eine große Rolle. Zu hohe Erwartungen an zu Pflegende oder die Unterdrückung der eigenen Gefühle können zu psychischem Druck und Wut führen. Aber auch pflegebedürftige Menschen haben mit der Situation zu kämpfen. Viele werden täglich mit dem Verlust ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit konfrontiert. Zudem sind sie abhängig von anderen Personen. Die Intimsphäre und Selbstbestimmtheit sind eingeschränkt. Dies kann zu Scham, depressiven Zuständen, Ängsten und Aggressionen führen. Pflegepersonen sind dann oft die Leidtragenden. Ebenso frühere, unverarbeitete Konflikte, vielleicht sogar mit dem pflegenden Angehörigen, oder das erneute Durchleben von Kindheitstraumata können zu emotionalen Entgleisungen führen, die sich in Gewalt ausdrücken.

Gewalt vermeiden

Um Gewaltausbrüche zu vermeiden, muss wenigstens eine Partei die Auseinandersetzung durchbrechen, etwa durch eine klare Zurückweisung und körperliche Distanz. Zu viel Rücksicht ist dabei unangebracht. Bei geistig fitten Pflegebedürftigen sollte das gemeinsame Gespräch gesucht werden. Beiden muss klar sein, was die Wut bedeutet und was sie bei dem anderen anrichtet. Sie sollten die Gründe für die Aggressionen suchen und bearbeiten. Geduld ist bei der Ursachenforschung wichtig. Wenn beide Seiten schwierige Situationen frühzeitig erkennen, können sie gegensteuern und eine Eskalation verhindern. Besonders kompliziert ist es, wenn zu Pflegende geistig nicht mehr in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu äußern.

Gewalt und Aggressionen können bei Ihnen ein Ausdruck von Schmerzen, Ängsten, Hunger oder Langeweile sein. Dann sind professioneller Rat und eine geduldige Ursachenforschung empfehlenswert. So oder so, Pflegende und zu Pflegende müssen die eigenen Grenzen akzeptieren und bei Bedarf Hilfe annehmen.

Hilfe von außen

Bei wiederholtem Auftreten von Gewalt oder Situationen, die auf einen nachfolgenden Gewaltausbruch hindeuten können, ist es empfehlenswert, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Wichtige Ansprechpartner sind etwa Krisentelefone und Beratungsstellen für pflegende Angehörige. Schulungen, Kurse, der Erfahrungsaustausch in Selbsthilfegruppen oder Entspannungsmethoden können helfen, zwischenmenschliche Probleme zu bewältigen, ohne das Wut und Gewalt entstehen. Schon das Betrachten der Konfliktsituation von außen kann den Blick für bisher übersehene Ursachen öffnen. Die emotionale Abgrenzung der Pflegeperson ist notwendig, um Abstand zu den Gewalt auslösenden Aspekten zu gewinnen. Selbsthilfegruppen können Betroffene auffangen. Pflegende merken hier schnell, dass sie nicht allein mit ihren Aufgaben und Herausforderungen sind; Aggressionen im Pflegealltag passieren häufig und sind meist nicht gegen die Person selbst gerichtet. Gewaltsituationen in der häuslichen Pflege dürfen deshalb aber nicht unterschätzt werden. Ihre Bearbeitung und Vorbeugung durch Gespräche mit Vertrauenspersonen oder Konfliktberatern und das Identifizieren von Lösungswegen liegt in der Verantwortung der Angehörigen.

Weitere Informationen

Stand der Informationen: Sommer 2018