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Verständnis für das „Ver-rückte“

Wer ältere Menschen pflegt, kennt

die Situation: Da will der zu Pflegen-

de partout nicht das tun, was der

Pflegende für richtig hält. Der Konflikt

schwelt vor sich hin, man schaukelt

sich gegenseitig hoch, in der Sache

bewegt sich nichts. Am Ende stehen

Unnachgiebigkeit, Verzweiflung und

Wut, es heißt dann nur noch: „Die

Alten wissen oft nicht, was gut für sie

ist“ oder „Wenn es nicht im Guten

geht, dann muss er die Konsequen-

zen ertragen.“ Verhärtungen, die

auch zu Gewalt führen können.

Aber muss es unbedingt so weit kom-

men? Wären nicht beide Seiten glück-

licher und entspannter, wenn der

Pflegende sich für die „ver-rückte“

Welt des Anderen öffnen und akzep-

tieren könnte, dass der alte Mensch

einfach das tun will, was er für richtig

hält? Dass sein Verhalten unpassend

und dumm scheinen mag, aber des-

halb nicht unbedingt mit aller Kraft

unterbunden werden muss?

Für diese mitfühlende Sicht auf die

Dinge wirbt Erich Schützendorf in

seinem Buch „Das Recht der Alten

auf Eigensinn“. Der Diplom-Pädagoge

schöpft seine Beispiele aus vielen

Gesprächen, die er mit Pflegenden

geführt hat, die aufgerieben waren

von der vermeintlichen Bockbeinig-

keit des zu Pflegenden. Schützendorf

bricht eine Lanze für Toleranz und

Nachsicht, auch wenn es schwer fällt.

Mit Verständnis kommt man in der

Pflege viel weiter als mit Starrsinn.

Ein hilfreiches Buch für Pflegende,

die in einer schwierigen Pflege-Situ-

ation stecken und bereit sind, ihrem

Anteil am Konflikt auf die Schliche zu

kommen und daraus einen eigenen

Weg zu finden.

Annemarie Wegener

D

D

Erich Schützendorf: „Das Recht

der Alten auf Eigensinn“, Ernst

Reinhardt Verlag, 19,90 Euro

Berliner Schnauze für die

Lachmuskeln

Zwischendurch einfach mal etwas

Leichtes lesen? Für zwei, drei Stun-

den abtauchen? Schmunzeln und

ab und zu sich selbst erkennen? Wer

darauf Lust hat, ist mit der Buchreihe

über Renate Bergmann, ausgedacht

von Torsten Rohde, gut bedient. In

„Das bisschen Hüfte, meine Güte.

Die Online-Omi muss in Reha“ be-

anspruchen zwei Themen die wort-

gewaltige und resolute 82-Jährige:

die endlich anstehende Hochzeit

ihres Neffen Stefan und ein Reha-

Aufenthalt. Denn ausgerechnet beim

Fangen des Brautstraußes stürzt die

vierfache Witwe und bricht sich die

Hüfte. Da hilft auch kein Körnchen

mehr, ihr sonstiges Allheilmittel für

jede Lebenslage. Renate Bergmann

bekommt eine neue Hüfte und „in

Reha“ Einblicke in eine Welt ohne ei-

gene Bettwäsche, dafür mit pinkem

„Jockeyanzug“, Kurschatten und

Raucherecke. Was sie dort erlebt und

mit ihren nicht wenigen Lebensweis-

heiten ungefragt verwebt, ist amü-

sant zu lesen – und nur sehr, sehr

selten etwas langatmig.

Dr. Susanne Woelk

D

D

Renate Bergmann:

„Das bisschen Hüfte, meine

Güte. Die Online-Omi muss in

Reha“, Rowohlt Taschenbuch

Verlag, 9,99 Euro

Lesetipps

5

Magazin für pflegende Angehörige