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Anspruch auf zehn freie Tage

Dass sie Anspruch auf zehn freie Ar-

beitstage mit Lohnfortzahlung gehabt

hätte, wusste Christa L. nicht. Seit 1.

Januar 2015 gilt dieses Recht. Jeder,

der kurzfristig eine bedarfsgerechte

Pflege für einen nahen Angehörigen

organisieren muss, kann diese zehn

Tage frei bekommen und den Lohn

als Pflegeunterstützungsgeld bei der

Pflegeversicherung des Angehörigen

beantragen – und zwar unabhängig

von der Größe des Unternehmens,

in dem man beschäftigt ist. Auch ihr

Chef kannte diese Möglichkeit nicht,

da ist sie sich sicher. „Das hatte sich

wohl noch nicht bis zu ihm rumge-

sprochen“, meint sie, „er hätte mir

diese Tage sonst bestimmt zugestan-

den, er ist sehr korrekt.“ In vielen Un-

ternehmen ist die Vereinbarkeit von

Job und Pflege indes längst genauso

ein wichtiges Thema wie die Verein-

barkeit von Beruf und Kind, denn

fast die Hälfte der 3,9 Millionen Men-

schen, die derzeit einen Angehörigen

pflegen, ist gleichzeitig berufstätig.

Mehr als zwei Drittel von ihnen klagt

über die schwer zu organisierende

Doppelbelastung, besagt eine Unter-

suchung aus dem Jahr 2012.

Die Politik hat die Brisanz des The-

mas erkannt. Erst kürzlich setzte Ma-

nuela Schwesig, Bundesministerin

für Familie, Senioren, Frauen und

Jugend, einen unabhängigen Beirat

ein. Die hier versammelten Experten

sollen die Ministerin bei Gesetzen

und Vorhaben zu Pflege und Beruf

beraten.

Das Universitätsklinikum Hamburg-

Eppendorf (UKE) gehört zu den Unter-

nehmen, die Angestellte unterstüt-

zen, die zuhause einen Angehörigen

pflegen. Die ehemalige Kranken-

schwester Antje Steppack berät als

Pflegetrainerin seit mehr als zwei

Jahren Mitarbeiterinnen und Mitar-

beiter, die sich neben ihrer Arbeit im

UKE um die Pflege eines Angehörigen

kümmern. Sie weiß: „Oft reichen die-

se zehn Tage Freistellung nicht aus.

Denn an jedem neuen Fall hängen

große Veränderungen. Oft muss zu-

dem eine Diagnose und der Abschied

von einem vorherigen Leben verkraf-

tet werden.“

Auch Kornelia Schmid kritisiert die

zehn Tage Regelung als ungenügend.

Die dreifache Mutter kennt die Nöte

von pflegenden Berufstätigen. Seit

22 Jahren pflegt sie ihren an Multip-

ler Sklerose erkrankten Mann. Bis vor

zwei Jahren war sie noch berufstätig.

Nach ihrer Verrentung gründete sie

eine Facebook-Gruppe für pflegende

Angehörige. Mehr als 2.400 Betrof-

fene tauschen sich zwischenzeitlich

hier aus. „Viele kritisieren, dass man

die zehn Tage nur einmal und am

Stück nehmen kann“, berichtet

Checkliste: Was ist jetzt zu tun?

Wenn neben dem Job plötzlich noch Pflege geleistet werden muss.

1. Diese Fragen sollten Sie für sich

klären:

Bin ich seelisch und körperlich in

der Lage, die Pflege zu überneh-

men?

Wie kann ich Pflege und Job

miteinander vereinbaren? Gibt es

ein Modell (Pflegezeit/Darlehen/

Familienpflegezeit), das für mich

in Frage kommt?

Muss die Wohnung umgestaltet

werden?

Ist zunächst eine Kurzzeitpflege

sinnvoll, damit ich alles vorberei-

ten kann?

Welche Hilfsmittel brauche ich?

Sollte ich einen Pflegekurs besu-

chen, um zum Beispiel rücken-

schonendes Arbeiten zu lernen?

Wer kann mich entlasten?

Brauche ich Unterstützung durch

einen ambulanten Pflegedienst?

2. Diese Menschen sollten Sie

informieren:

nahe Verwandte und Freunde

den Hausarzt

die Pflegekasse des Pflegebe-

dürftigen

den Arbeitgeber

3. Diese Hilfen sollten Sie in

Anspruch nehmen:

Beim Arbeitgeber: Zehn Tage

Freistellung beantragen

Bei der Pflegekasse des Ange-

hörigen: das Pflegeunterstüt-

zungsgeld und die Einstufung der

Pflegestufe beantragen

Von der Pflegekasse und/oder

dem nächstgelegenen Pflege-

stützpunkt: Beratung zu Hilfsmit-

teln und weiteren Möglichkeiten

der Unterstützung

Gegebenenfalls mit einem ambu-

lanten Pflegedienst besprechen,

welche Aufgaben er übernehmen

kann

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Magazin für pflegende Angehörige