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Christa L. ist Architektin und kümmert sich um ihren Vater, der

seit einem halben Jahr Pflege braucht. Beides unter einen Hut zu

bekommen, das war gerade in der Anfangszeit oft nicht einfach.

Früher stiefelte Christa L. nach der

Arbeit immer gleich auf die Weide

zu ihrem Pferd. Jetzt greift die Archi-

tektin als Erstes zu dem hellblauen

Schlüsselbund, der an dem kleinen

Regal neben ihrer Haustür hängt.

Der Schlüssel gehört zum Haus ihres

Vaters. Der 87-Jährige wohnt neben-

an und ist seit April pflegebedürftig.

Schon vor diesem Zeitpunkt hatte

Christa L. Unterstützung für ihn orga-

nisiert; eine Nachbarin putzte seine

Wohnung und kochte in der Woche

für ihn. Das Einkaufen übernahm

Christa L., und am Wochenende kam

ihr Vater meist zum Essen zu ihr. Nun

aber, in diesem April, war es so weit,

dass ihr Vater plötzlich nicht mehr al-

lein zurecht kam.

Es begann mit einem Sturz. An einem

Samstag im April wartete Christa L.

mittags auf ihren Vater, das Essen

stand auf dem Tisch. Aber ihr Vater

erschien nicht. Christa L. rief bei ihm

an, keine Reaktion. Besorgt lief sie

zu seinem Haus. Er lag auf dem Sofa.

Er sei gestürzt, berichtete der Senior,

ein Arzt sei aber nicht nötig; morgen

würde es schon wieder gehen. Chris-

ta L. fand das zwar unvernünftig,

mochte aber nicht über seinen Kopf

hinweg entscheiden. Sie brachte ihm

das Essen und stellte Getränke so-

wie das Telefon in Reichweite. Wenig

später rief er an. Sie müsse ihm hel-

fen, er könne nicht allein zur Toilette.

Christa L. versuchte, ihn aufzusetzen,

aber jedes Mal, wenn sie ihren Vater

etwas fester anfasste, stöhnte er laut

auf vor Schmerzen. Nun rief sie doch

den Notarzt. Im Krankenhaus wurde

ein beidseitiger Beckenbruch fest-

gestellt. „Bis dahin war mein Vater

völlig klar im Kopf. Aber schon am

zweiten Tag im Krankenhaus brachte

er vieles durcheinander“, berichtet

die 54-Jährige. Das gleiche Phäno-

men hatte sie schon einmal erlebt,

als ihr Vater wegen Herzproblemen

in der Klinik gewesen war. Damals

stellte sich seine Orientierung gleich

wieder ein, als er zu Hause angekom-

men war. Deshalb wollte Christa L.

auch jetzt unbedingt, dass ihr Vater

so schnell wie möglich das Kranken-

haus verlassen konnte. Sie wusste

aber auch, dass sie eine Menge vor-

bereiten musste, bevor sie ihn zu

Hause pflegen konnte.

Gleich am Montagmorgen sprach

Christa L. mit ihrem Vorgesetzten.

Sie ist schon lange in einem kleinen

Stadtplanungsbüro beschäftigt. Über

die Jahre hatte sie viele Überstunden

angesammelt. Da sie damals nur ein

Projekt betreute, schlug sie ihrem

Chef vor, einen Teil der Überstunden

in den kommenden Tagen abzubau-

en, um die Pflege ihres Vaters zu or-

ganisieren. Der Chef zeigte Verständ-

nis und willigte sofort ein.

„Es war ein Kraftakt“

Reportage

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Beruf und Pflege