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„Pflegende Angehörige brauchen ein eigenes Stück

Leben“

Unverständliches Verhalten und Wesensveränderungen von

Kranken sind für die Angehörigen oft sehr belastend. Wie sie am

besten damit umgehen, erläutert Dr. Thomas Günnewig.

Welche körperlichen Erkrankungen

führen zu Persönlichkeitsveränderun-

gen?

Thomas Günnewig:

Im Stirnhirn wer-

den sehr viele soziale Verhaltenswei-

sen eintrainiert. Wenn die vorderen

Hirnlappen, also das Stirnhirn, ge-

schädigt werden, kann es zu Persön-

lichkeitsveränderungen kommen. Das

kann durch Krankheiten wie Multiple

Sklerose, einen Tumor, einen Schlag-

anfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma

passieren. Die Betroffenen weisen

dann eine unpassend fröhliche oder

eine stumpfe Persönlichkeit mit re-

duzierten Gefühlsregungen auf. Klas-

sisch ist auch die Frontotemporale

Demenz, das ist eine weniger häufi-

ge Form der degenerativen Demenz.

Bei ihr stehen häufig die Verhaltens­

auffälligkeiten am Anfang wie etwa

unbändiges Essen oder Trinken oder

lautes, ungehemmtes Singen unter

der Dusche, das die Nachbarn stört.

Es kommt auch vor, dass die Erkrank-

ten plötzlich jeden duzen oder fremde

Menschen einfach anfassen.

Wie ist das bei Alzheimer?

Bei Alzheimer kommt es zu einem zu-

nehmenden Abbau des Gedächtnisses

und der Persönlichkeit, aber grundsätz-

lich ändern die Betroffenen ihre Per-

sönlichkeit nicht gravierend. Wer immer

ein lieber Mensch war, bleibt lieb und

sanft, und ein Misanthrop bleibt unleid-

lich in seiner Demenz. Die Erkrankten

verlieren ihre Persönlichkeit, werden

„flacher“, passiv und vergesslich.

Angehörige berichten aber auch häu-

fig, dass Demenzkranke aggressiv

reagieren.

Man darf nicht die Normen eines ge-

sunden Menschen zu Grunde legen

und sagen, dass sich der oder die De-

mente vernünftig verhalten soll. Das

ist der häufigste Konfliktstoff in der

häuslichen Pflege. Alzheimer-Patien-

tinnen oder -Patienten können sich

immer schwerer auf eine neue Situa-

tion einstellen. Wenn ich mich in mei-

ner Vergesslichkeit 30 Jahre jünger

und am Arbeitsplatz wähne, wo ich

gerade mit einem Kollegen rede, und

es kommt jemand und steckt mir ei-

nen warmen Waschlappen unter die

Achselhöhle, wird mich das bei der

Arbeit stören. Und dann werde ich

ungehalten.

Wichtig ist auch, wie man mit den

Erkrankten kommuniziert. Wie man

etwa mit Unsinnsbotschaften um-

geht, wenn Erinnerungen hochkom-

men, die Sorge machen. „Ich muss

nach Hause, es brennt“, sagt der

Demente und erinnert sich vage an

Kriegszeiten. Es gibt hilfreiche Ge-

sprächstechniken, Validation ge-

nannt, die man lernen kann.

Wenn bestimmte Charaktereigen-

schaften durch eine Erkrankung stär-

ker hervortreten oder sich gar das

Wesen ändert, ist das für die Angehö-

rigen oft sehr aufreibend. Was raten

Sie denen?

Man muss sich seine Eigenständig-

keit bewahren und seine gesunden

Kräfte aktivieren und beleben. Wenn

Sie sich rund um die Uhr kümmern,

haben Sie überhaupt keinen guten,

gesunden Input mehr. Ich nenne das

den Kümmererschutz, das heißt, pfle-

gende Angehörige brauchen ein ei-

genes Stück Leben. Dafür benötigen

sie jemanden, der sie in der Pflege

vertritt, zum Beispiel andere Angehö-

rige, externe Hilfe oder die Tagespfle-

ge. Dazu gehört auch das Recht auf

Urlaub von der Pflege. Dauerpflege

ist ein Marathonlauf und braucht zwi-

schendurch Erholung. Und man muss

auch schauen, ob irgendwann der

Punkt erreicht ist, wo eine institutio-

nelle Pflege sinnvoller ist.

Viele pflegende Angehörige tun sich

aber schwer damit, die oder den

Erkrankten in ein Pflegeheim zu ge-

ben.

Es gibt gerade bei Frauen häufig den

falschen Anspruch: „Ich muss das

schaffen!“ Oder auch: „Ich habe

versprochen, dass mein Mann oder

meine Frau nicht ins Pflegeheim

kommt.“ Aber wenn es ein Krank-

heitszustand nicht mehr hergibt,

dann sage ich immer: „Kein schlech-

tes Gewissen.“ Man kann sich ja den

ganzen Tag lang im Pflegeheim auf-

halten und sich abends zu Hause er-

holen, sich gesundschlafen und am

nächsten Tag mit guter Kraft wieder

die Angehörige oder den Angehöri-

gen betreuen.

Das Interview führte Mirjam Ulrich.

Dr. Thomas Günnewig

Chefarzt der Abteilung Geriatrie und

Neurologie, Elisabeth Krankenhaus,

Recklinghausen

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Magazin für pflegende Angehörige