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Glücklich in der Tagespflege

Drei Tage pro Woche verbringt ihr

Mann nun in der Tagespflege und

zwei in einer Demenz-Betreuungs-

gruppe. Er blüht dort auf und ist

glücklich, hat sie festgestellt. Er un-

terhält sich, singt und bastelt mit den

anderen und wird geschätzt.

Die Alzheimer Gesellschaft rät ihr,

sich vorsichtshalber und für alle Fälle

schon einmal nach einem Heimplatz

umzusehen. In der Tagespflege be-

komme er mehr Anregung, wendet sie

dagegen ein. Zu Hause entscheide er

das wenige, was er noch selbst ent-

scheiden könne: wann er ins Bett geht

und wieder aufsteht, zum Beispiel. Ihn

in ein Heim zu geben, bringt sie nicht

übers Herz: „Er war die große Liebe –

und ist es eigentlich immer noch.“

Mirjam Ulrich, Journalistin,

Wiesbaden

ter nahm Dieter Conrad an wie eigene

Kinder. Über den intelligenten, welt-

gewandten Mann sagten sie immer,

er sei wie ein Lexikon. „Alles weg“,

sagt seine Frau. „Es macht mir auch

zu schaffen, dass er so dumm gewor-

den ist.“ Heutzutage führe sie mit ihm

mehr oder weniger Kindergespräche.

Die Alzheimer-Erkrankung nahm auch

Einfluss auf ihren Freundeskreis. Bis

auf zwei ihrer Freundinnen haben

sich alle früheren Freunde und Be-

kannten „ausgeklinkt“, berichtet sie.

Dabei habe ihr Mann in seiner Krank-

heit nie jemandem etwas getan. Un-

gehalten oder aggressiv sei er, der

schon immer etwas aufbrausend ge-

wesen war, nur ihr gegenüber.

Die Wiesbadenerin erinnert sich,

dass ihr Mann sie im Anfangsstadium

seiner Krankheit bei der Gartenarbeit

manchmal beschimpft und mit Ge-

genständen nach ihr geworfen hatte.

Das passierte, wenn sie ihm helfen

wollte. Er konnte diese Hilfe aber

nicht akzeptieren, weil sie ihm seine

Schwäche vor Augen führte. Anfangs

konnte sie damit schlecht umgehen,

inzwischen hat sie für sich einen Weg

gefunden. Sie diskutiert erst gar nicht

mehr, sondern geht einfach nach ne-

benan und wartet: „Das Schöne am

Vergessen ist ja, dass selbst so ein

Wutausbruch nach einer Minute vor-

bei ist.“

2014 holte sie sich den Mischlings-

hund Jonny aus dem Tierheim, um

eine Abwechslung zum Pflegealltag

zu haben. Seither trifft sie sich mor-

gens mit ihrer „Hundegruppe“ zu lan-

gen Spaziergängen und Gesprächen.

„Es hilft mir schon, andere Kontakte

zu haben.“ Aber nicht nur ihr Hund

Jonny bringt sie auf andere Gedan-

ken. Evelin Conrad engagiert sich als

Kassiererin in einem Verein und liebt

noch immer die Gartenarbeit.

Im Alltag mit ihrem Mann hat sie sich

bis zum Frühjahr 2016 lediglich von

zwei Helferinnen der Wiesbadener

Gruppe der Deutschen Alzheimer

Gesellschaft (DAlzG) unterstützen

lassen. Sie gingen mit ihm zweimal

in der Woche spazieren und ins Café.

Evelin Conrad selbst besuchte bei der

DAlzG den Kurs „Hilfe beim Helfen“

und anderthalb Jahre lang auch de-

ren Selbsthilfegruppe für Angehöri-

ge. Erst als ihr Mann sehr nachtaktiv

wurde, rang sie sich dazu durch, ihn

in die Tagespflege zu geben. Auslöser

war, dass der gelernte Handwerker

glaubte, unbedingt eine bestimmte

Schraube zu brauchen und mitten in

der Nacht das Ehebett auseinander-

nahm. Vor seiner Wut flüchtete Evelin

Conrad in die Küche und rief den Not-

arzt. „Ich wusste mir nicht mehr an-

ders zu helfen.“

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Beruf und Pflege