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Welche Rolle spielt die finanzielle

Situation?

Eine sehr große. Viele der von uns be-

fragten Eltern sind aufgrund ihrer Er-

krankung erwerbsunfähig geworden.

Die Familie hat plötzlich finanzielle

Sorgen. Manche Familien verzichten

auf professionelle Pflege, weil sie das

Pflegegeld zum Leben brauchen. Ich

erinnere mich an einen 15-Jährigen,

der sagte: „Dann haben wir mehr für

uns.“

Die betroffenen Familien leben ja

nicht im luftleeren Raum. Was kön-

nen Menschen aus dem sozialen Um-

feld tun?

Studien zeigen, dass das sozia-

le Umfeld von betroffenen Familien

schrumpft. Sei es durch den Verlust

der Arbeit oder weil die Freunde es

nicht mehr hören können, wenn die

Betroffenen nur noch über die Krank-

heit sprechen, oder weil sie so ein-

geschränkt sind, dass sie bestimmte

Dinge nicht mehr mitmachen können.

Oft ziehen sich die Familien auch be-

wusst zurück, weil sie nicht wollen,

dass sich andere einmischen. Wir

müssen einfach die Augen aufma-

chen und Hilfe anbieten – Stichwort:

Nachbarschaftshilfe. Das Wichtigste

ist, dass wir dieses Thema enttabui-

sieren. Die Eltern suchen sich das in

der Regel nicht aus, dass sie ihren

Kindern diese Arbeiten übertragen.

Das ist auch für sie belastend. Sie

wissen aber oft nicht, wohin sie sich

wenden können.

Und die jungen Pflegenden? Wie

sieht es da mit Angeboten aus?

Es gibt wachsende Hilfsangebote für

Kinder von psychisch Erkrankten,

die auch relativ gut vernetzt sind. Für

Kinder körperlich erkrankter Eltern ist

das schwieriger; es gibt nur vereinzelt

Projekte, vor allem in Norddeutsch-

land. Die Finanzierung ist ein riesiges

Problem. Ohne Regelfinanzierung

wird es aber langfristig und vor allem

in der Fläche keine Unterstützungsan-

gebote geben.

Wird die Zahl junger Menschen mit

Pflegeverantwortung in absehbarer

Zukunft steigen? Schließlich gibt es

immer mehr „späte Eltern“.

Ich denke schon. Die Anzahl chro-

nisch kranker Menschen nimmt zu,

und wir haben eine deutliche Verlage-

rung von der stationären Behandlung

in die Häuslichkeit. Das heißt, mehr

Menschen werden zu pflegenden An-

gehörigen und davon sind auch die

Kinder betroffen. Die Frage ist zudem,

wie sich die dementiellen Erkrankun-

gen auswirken. Auch da ist ein An-

stieg zu erwarten.

Das Interview führte Mirjam Ulrich.

Arbeitskreis JUMP – Vermitt-

lung von Ansprechpartnern

„Wenn man seine engsten Verwand-

ten waschen muss, ist das immer ein

Tabubruch“, sagt Ivonne Festerling,

Mitarbeiterin des Pflegestützpunkts

Rahlstedt in Hamburg. Sie engagiert

sich im Verein „Wir pflegen“, der 2015

den Arbeitskreis „Junge Menschen

mit Pflegeverantwortung“ (JUMP)

gegründet hat. Hervorgegangen aus

einem EU-Projekt, ist sein erklärtes

Ziel, mehr öffentliche Aufmerksam-

keit für die Belange dieser jungen

Menschen zu wecken. In regelmäßi-

gen Abständen bietet JUMP Treffen

für Fachleute und junge Pflegende an.

Das Bestreben ist, auch bundesweit

Ansprechpartner zu vermitteln. Der

Arbeitskreis hilft gegebenenfalls da-

bei, die Pflegestufe und Hilfsmittel zu

beantragen oder einen Pflegedienst

einzubeziehen, um die Kinder und

Jugendlichen sowie jungen Erwachse-

nen zu entlasten.

„Es war alles richtig so.“

Nicht nur die körperliche Pflege kos-

tet die Beteiligten Kraft. In der Familie

Klopsch lagen mitunter die Nerven

aller blank, erinnert sich Anneke. An

manchen Tagen konnten sie ihrer

Mutter – zermürbt durch die Krank-

heit – kaum etwas recht machen.

Die sei aber in ihrem Leid tapfer und

stets optimistisch gewesen, erzählt

die Tochter. Nur ganz selten habe sie

geweint, „und das auch nur, weil sie

sich selbst vorwarf, dass sie uns bald

so alleine lässt.“ Anneke versuchte

zu trösten, las Gedichte und sang ihr

altvertraute Lieder wie „Sei behütet

auf Deinen Wegen“ vor.

Gunda Klopsch starb im Januar 2016

im Beisein ihrer Familie. Im Nachhi-

nein findet es die heute 23-jährige

Tochter selbst unbegreiflich, „dass

man das alles so gemacht hat, ohne

nachzudenken. Man hat sehr oft ein-

fach funktioniert.“ Dennoch möchte

sie die intensive Zeit mit ihrer Mutter

nicht missen. „Es war alles richtig

so.“

Mirjam Ulrich

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Magazin für pflegende Angehörige