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„Ein Anstieg ist zu erwarten“

Tagtäglich pflegen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

ihre kranken Angehörigen. Hilfen gibt es für sie bislang kaum.

Dabei wird ihre Zahl steigen, sagt Sabine Metzing. Die Profes-

sorin für Pflegewissenschaft forscht an der privaten Universität

Witten-Herdecke.

Wie kommt es, dass sogar Kinder und

Jugendliche pflegen?

In den Familien geht es weniger um

die Krankheit, sondern darum, dass

durch die Krankheit der Alltag verän-

dert und erschwert wird. Um diesen

Alltag aufrechtzuerhalten, versuchen

sie das innerhalb der Familie selbst

zu organisieren. Hinzu kommt, dass

chronische Krankheiten einen recht

schleichenden Verlauf aufweisen,

am Anfang ist der Hilfebedarf noch

gering. Die Kinder und Jugendlichen

übernehmen das, was wegfällt, und

merken nicht, dass immer mehr Auf-

gaben dazukommen. In dem Mo-

ment, in dem sie wirklich stark in

pflegerische Tätigkeiten eingebunden

sind, gibt es oft die Angst vor dem ex-

ternen Eingriff in die Familie.

Also die Angst, das Jugendamt könn-

te die Familie auseinanderreißen.

Ja. Je stärker die Kinder eingebunden

sind, desto unsichtbarer wird die Fa-

milie nach außen. Das ist ein Grund,

warum wir so schwer Zugang zu die-

sen Familien finden und die Familien

sich nicht mehr zeigen.

Gibt es Familienkonstellationen, die

die Wahrscheinlichkeit erhöhen,

dass junge Menschen die Pflege

übernehmen?

Ja, bei Alleinerziehenden. Es werden

auch mehr Mütter gepflegt. Das liegt

weniger daran, dass mehr Frauen

krank werden, sondern eher daran,

dass Männer dann ihre Frauen verlas-

sen. Wenn die Väter erkranken, über-

nehmen die Ehefrauen häufiger die

Hauptpflege.

Erkrankungen sind stigmatisiert und

die Kinder und Jugendlichen befürch-

ten womöglich, selbst stigmatisiert zu

werden“, erläutert der Wissenschaftler.

In Großbritannien und Australien wer-

de in Schulen Aufklärungsarbeit betrie-

ben und Betroffenen außerdem Un-

terstützung angeboten. Kaiser zufolge

gibt es in Großbritannien mehr als 350

spezifische Projekte für diese Zielgrup-

pe. Der Anteil derer, die in der Schule

Schwierigkeiten haben oder Unterricht

versäumen, verringerte sich deutlich,

wie Untersuchungen zeigten.

Wenn Jugendliche aufgrund ihrer Pfle-

geaufgaben die Schule nicht oder aber

mit schlechten Noten abschließen,

beeinflusst das auch ihre beruflichen

Perspektiven. Andere verschieben ihre

Ausbildung oder ihr Studium zeitlich

nach hinten oder brechen ab, weil ihre

familiäre Situation nicht berücksich-

tigt wird. Steffen Kaiser verweist dar-

auf, dass die Pflege aber auch positive

Auswirkungen haben kann, etwa auf

Empathie und Sozialverhalten der jun-

gen Pflegenden. Das schlage sich auch

in der Berufswahl nieder. „Es gibt Hin-

weise, dass eher soziale oder gesund-

heitsbezogene Berufe gewählt werden,

weil man das ja eh schon kann.“

Anneke Klopsch begann 2014 eine

Ausbildung zur Versicherungskauffrau,

die sie Anfang 2017 mit gutem Ergeb-

nis abgeschlossen hat. Die Arbeit emp-

fand sie mitunter fast schon als Erho-

lung von der Pflege. Ihre Mutter verlor

2015 nach und nach ihre Eigenständig-

keit und konnte auch nicht mehr alle

Körperfunktionen kontrollieren. Der Va-

ter verlegte seine Arbeit als Ingenieur

für Lebensmitteltechnologie ins Home-

office und kümmerte sich tagsüber und

nachts um seine Frau. Morgens kam

ein Pflegedienst, abends wechselten

sich Anneke und ihre ältere Schwester

Inga bei der Pflege ab. Sie wuschen

ihre Mutter, gaben ihr Medikamente

und Zäpfchen. Anfangs kostete sie das

einige Überwindung. Am Ende stritten

sie und Inga sich fast darum, wer die

Mutter aus dem Bett auf den Toilet-

tenstuhl heben durfte. Bedeutete das

doch auch, die Mutter in den Arm zu

nehmen und ihr sehr nahe zu sein.

Sabine Metzing

Professorin für Pflegewissenschaft,

Universität Witten-Herdecke

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Beruf und Pflege