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Die unsichtbaren Helfer

Wenn Eltern, Geschwister oder Großeltern dauerhaft erkranken, übernehmen häufig auch Kinder,

Jugendliche und junge Erwachsene Aufgaben, um den Alltag in der Familie aufrechtzuerhalten. An-

neke Klopsch ist eine von ihnen. Die junge Frau aus Hamburg stand ihrer krebskranken Mutter bei.

15 Stufen hat die Treppe zum Ober-

geschoss im Elternhaus von Anneke

Klopsch. Ihre Mutter Gunda konn-

te sie nicht mehr allein bewältigen,

nachdem sie 2014 die Kontrolle über

ihr rechtes Bein verloren hatte – eine

Folge der Krebsmetastasen, die sich

im Gehirn der 59-Jährigen ausgebrei-

tet hatten. Die Lehrerin an einem be-

ruflichen Gymnasium hatte in dem

Jahr die dritte Krebsdiagnose inner-

halb von vier Jahren bekommen. „Sie

war eine Kämpferin“, beschreibt An-

neke ihre Mutter, die bis dahin trotz

der Erkrankung weitgehend eigen-

ständig geblieben war. Nun brauch-

te sie Hilfe, wenn sie ins Schlafzim-

mer gehen wollte. Anneke setzte den

rechten Fuß ihrer Mutter jeweils eine

Treppenstufe höher, die Mutter zog

dann das linke Bein nach. Mühsam

und zeitaufwendig sei das gewe-

sen, sagt die junge Frau. Doch für die

Hamburger Familie war immer klar,

dass Gunda Kopsch daheim gepflegt

werden würde.

Junge Menschen mit großer

Verantwortung

Wie seinerzeit Anneke Klopsch küm-

mern sich tagtäglich junge Erwachse-

ne, Jugendliche und Kinder um kran-

ke Mütter, Väter, Geschwister oder

Großeltern. Sie übernehmen Verant-

wortung, indem sie die physisch oder

psychisch Erkrankten regelmäßig im

Alltag unterstützen. Sie erledigen die

Hausarbeit und Einkäufe oder be-

treuen jüngere Kinder. Sie begleiten

die Kranken zum Arzt, geben ihnen

Medikamente oder pflegen sie so-

gar. Nicht zuletzt leisten die jungen

Pflegenden emotionalen Beistand.

Oft sehen sie sich mit besonderen

Problemen und Sorgen sowie hohen

psychischen und physischen Belas-

tungen konfrontiert. Doch die Öffent-

lichkeit nimmt wenig Notiz von die-

sen jungen Menschen, nach außen

bleiben sie unsichtbar. Die Folge: Sie

selbst erhalten häufig nicht die nöti-

ge Unterstützung.

Für Deutschland liegen noch keine

verlässlichen Daten vor, wie viele

junge Menschen mit Pflegeverant-

wortung es gibt. Anhand von Studien

in Nachbarländern schätzen Exper-

tinnen und Experten aber, dass etwa

zwei bis vier Prozent aller Kinder und

Jugendlichen für pflegebedürftige

Angehörige sorgen. Das Zentrum für

Qualität und Pflege (ZQP) geht so-

gar von etwa fünf Prozent aller Ju-

gendlichen – also rund 230.000 – in

Reportage

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Beruf und Pflege