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Geteilte Fürsorge

Wenn Geschwister sich die Pflege ihrer Eltern teilen, sind viele Fragen zu klären. Wer pflegt wann

und in welchem Umfang? Vor allem: Wie erfolgt eine Einigung bei unterschiedlicher Verteilung des

Pflegeaufwandes? Auf Nummer sicher geht, wer solche Dinge rechtzeitig vereinbart und ein Pfle-

getagebuch führt.

Die räumliche Entfernung, beruf-

liche Verpflichtungen, der eigene

Gesundheitszustand: Viele Dinge

beeinflussen den Umfang der Pfle-

ge, den Geschwister für ihre Eltern

leisten können. In zwei Dritteln der

Fälle ergibt es sich, dass die Pflege

der Eltern nicht gleich verteilt ist. Ge-

schwister, die beruflich eingespannt

sind oder Kinder haben, engagieren

sich seltener. Dies sind Ergebnisse

einer 2015 veröffentlichten Studie, in

der Forscher des Wissenschaftszent-

rums Berlin für Sozialforschung, der

Uni Bamberg und der Uni Amster-

dam zeitintensive Pflegetätigkeiten

in amerikanischen Familien ausge-

wertet haben. Vermutlich wird auch

in deutschen Familien die Pflegetä-

tigkeit unter Geschwistern ähnlich

ungleich verteilt sein.

Konfliktpotential entschärfen

Eine ungleiche Aufteilung der Pflege

birgt Konfliktpotential; schnell kann

es dadurch zu Streit unter Geschwis-

tern kommen. Dieses Thema muss

daher rechtzeitig geklärt werden.

„Der sauberste Weg ist, sich vorab

Gedanken zu machen und unterei-

nander Vereinbarungen zu treffen“,

rät Ulrike Kempchen, Leiterin Recht

der Bundesinteressenvertretung für

alte und pflegebetroffene Menschen

(BIVA). Sie empfiehlt transparente

individualvertragliche Regelungen.

Dieses Vorgehen hat mindestens

zwei Vorteile: Zum einen kann sich

derjenige, der einen Familienange-

hörigen pflegt, die Zeit für die eige-

ne Rentenversicherung anerkennen

lassen. Zum anderen besteht ein

Anspruch auf erbrechtlichen Aus-

gleich – unabhängig davon, ob die

Pflegetätigkeit zu einem Einkom-

mensverzicht geführt hat oder nicht.

Pflegetagebuch führen

Beim Nachweis des zeitlichen Auf-

wandes für die Pflege Angehöriger

hilft ein Pflegetagebuch. Darin soll-

ten Betreuung und Hilfe detailliert

und minutengenau für Tages- und

Nachtzeiten eingetragen werden.

Zusätzlich rät die Anwältin: „Die

Aufzeichnungen im Pflegetagebuch

sollte man sich am besten immer ge-

genzeichnen lassen – vom Angehöri-

gen oder Personen, die Pflegezeiten

jeweils bezeugen können.“

Ein guter Nachweis seien auch Kon-

takte mit Nachbarn oder der Aus-

tausch mit dem betreuenden Arzt.

Wie hoch die Pflegezeit bei einer

Erbschaft anzurechnen ist und wel-

che Ausgleichansprüche bestehen,

muss – wenn sich Geschwister in

diesen Fragen nicht einig werden –

gerichtlich festgelegt werden. Eine

gesetzliche Regelung gibt es dafür

nicht. Der fiktive „Stundenlohn“ liegt

dann im Ermessen des Richters.

Adrienne Kömmler, freie Journalistin,

Berlin

Tipp

Kommt es in Familien mit zu

Pflegenden zu Konflikten, kann

Hilfe von außen sinnvoll sein. So

hat zum Beispiel die Unfallkasse

NRWModeratorinnen ausgebil-

det, die sich speziell um Lösun-

gen für diese Familien kümmern

und sie bei der Suche nach ei-

nem guten Weg unterstützen.

Ulrike Kempchen

Leiterin Recht der Bundesinteressen-

vertretung für alte und pflegebetrof-

fene Menschen (BIVA)

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Magazin für pflegende Angehörige