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Alkohol und Tabletten sind keine Helfer

sogar noch erhöht, kann leicht ein Problem entste-

hen“, erklärt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der

Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. Er

sieht vor allem Männer als alkoholgefährdet; Frauen

greifen seiner Ansicht nach eher zu Medikamenten,

weil das weniger auffalle. „Unter den Medikamenten

spielen Halluzinogene in dieser Bevölkerungsgruppe

eine zu vernachlässigende Rolle. Mehr Gewicht haben

Mittel zur Leistungssteigerung. Und die größte Bedeu-

tung haben Beruhigungsmittel.“ Sie sind rezeptfrei in

der Apotheke erhältlich oder werden vom Hausarzt

verschrieben. Viele verordnete Tranquilizer enthalten

Benzodiazepine. „Sie wirken sehr gut, können aber

bereits innerhalb von zwei Wochen zur Abhängigkeit

führen“, warnt Brecklinghaus.

Risiko regelmäßige Einnahme

Der entscheidende Risikofaktor für die Entwicklung

einer Abhängigkeit ist die regelmäßige Einnahme der

Droge. Hat der Körper sich an sie gewöhnt, braucht

er sie. „Bei allen diesen Suchtmitteln lässt die subjek-

tiv erlebte Entspannungswirkung mit der Regelmäßig-

keit des Konsums nach – es sei denn, Sie steigern

die Dosis. Und auch dann ist irgendwann Schluss“,

beschreibt Gaßmann. Wer dennoch weiterhin Alkohol

oder Tabletten konsumiert, gefährdet sowohl die eige-

ne Gesundheit als auch die Pflege.

Wer einmal abhängig ist und aus der Droge aussteigen

will, riskiert Entzugserscheinungen und braucht Hilfe.

„Der Hausarzt und die Suchtberatungsstellen sind

Ansprechpartner. Im Internet gibt es umfangreiche

Informationen. Hilfe ist also leicht erreichbar“, sagt

Gaßmann. Wenn noch keine ex-

treme Abhängigkeit vorliegt, dann

kann eine Therapie ambulant er­

folgen. In schweren Fällen ist ein

stationärer Aufenthalt unumgäng-

lich. „Bei der Therapie und in einer

Selbsthilfegruppe gilt es auch, die

Ursachen für die entstandene Ab-

hängigkeit zu suchen und zu besei-

tigen“, sagt Brecklinghaus. „Liegen

diese in der Überforderung durch

die Pflegesituation, muss Entlas-

tung organisiert werden.“ Mögli-

cherweise gehört auch das Gesamt-

konzept der häuslichen Pflege auf

den Prüfstand.

Am Ende eines langen Pflegetages noch Sport oder

Yoga machen? Dafür reicht oft die Energie nicht; eigent-

lich ist man völlig k.o., möchte nur noch ins Bett. Doch

die Gedanken drehen sich im Kreis, mit einem Ohr

horcht man zum Pflegebedürftigen. So geht es vielen

pflegenden Angehörigen Abend für Abend. Körperliche

und psychische Belastung durch Beruf, Haushalt, Fami-

lie und Pflege, ohne Pausen oder Zeit für die eigenen

Bedürfnisse – das führt zu Dauer-Anspannung, Stress

und Schlaflosigkeit. Gibt es dann endlich einmal Raum

für Entspannung, will sich die ersehnte Ruhe einfach

nicht einstellen.

Schnelle Abhilfe scheinen Alkohol oder Arzneimittel

zu bringen. „Im ersten Moment haben diese Mittel

eine entspannende Wirkung. Man kann abschalten,

zur Ruhe kommen, schlafen“, beschreibt Matthias

Brecklinghaus, Leiter der Fachklinik Curt-von-Knobels-

dorff-Haus des Blauen Kreuzes in Radevormwald.

„All das wird von den Betroffenen als wohltuend emp-

funden.“ Es ist verlockend, häufiger zum Glas oder

zur Pille zu greifen. Bis zur Sucht ist es dann nur ein

kleiner Schritt. „Meiner Einschätzung nach sind pfle-

gende Angehörige von Alkohol- und Medikamenten-

sucht häufiger betroffen als die Durchschnittsbevöl-

kerung“, sagt der Mediziner.

Ein alter Körper verträgt wenig Alkohol

Alkohol ist gesellschaftlich nicht geächtet und jeder-

zeit leicht verfügbar. Nur: „Im Alter verträgt man weni-

ger Alkohol als in jungen Jahren, weil der Anteil der

Körperflüssigkeit geringer wird. Wenn man dann seine

Konsumgewohnheiten nicht ändert oder den Konsum

Alkohol und Tabletten sind keine Helfer