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„Es fehlt diesen Kindern, Kind zu sein“

Weniger sichtbar und gerade deshalb problematisch

sind die emotionalen Anforderungen an die Kinder.

Sie müssen Rücksicht nehmen und Trost spenden,

Verständnis zeigen und immer da sein. „Es fehlt diesen

Kindern, Kind zu sein. Sie können sich nicht darauf

verlassen, dass sie beschützt und versorgt werden.

Sie haben oft keine Freunde oder Hobbys und können

sich nie einfach mal gehen lassen“, beschreibt Fami­

lienberaterin Dubler.

Wie stark und wie konkret die Pflegebedürftigkeit des

Elternteils das Leben des Kindes beeinflusst, hängt

von Art und Schwere der Beeinträchtigung des Erwach-

senen ab. „Ein wesentlicher Faktor ist, auf wie viele

Schultern im nächsten sozialen Umfeld die Arbeit ver-

teilt wird“, erklärt Metzing. Besonders kritisch ist die

Lage, so Patricia Dubler, in Haushalten mit einem allein-

stehenden Elternteil, das chronisch erkrankt oder be-

hindert ist. Dann konzentriere sich alles auf das Kind

oder die Kinder. „Die Eltern-Kind-Rollenverteilung

kippt, in extremen Situationen wird sie sogar auf den

Kopf gestellt.“ Verschärfend können finanzielle Eng-

pässe wirken. Je mehr einschränkende Faktoren zu-

sammenkommen, desto stärker dominiert die Erkran-

kung das Leben der Familie.

Not entwickelt sich oft im Verborgenen

„Schwierig wird es, wenn die Belastung und die Verant-

wortung zu viel werden, wenn Grenzen berührt oder

auch überschritten werden“, sagt Pflegewissenschaft-

lerin Metzing. Dann reagieren die Kinder mit Erschöp-

fung, gesundheitlichen Problemen und Stress-Sympto-

men. Häufig ziehen die Kinder sich sozial immer weiter

zurück. Sie haben schlicht keine Zeit für Freunde und

Freizeit. Und sie schämen sich, fürchten Fragen und

Unverständnis von Klassenkameraden, wollen nicht

über ihren häuslichen Alltag reden. „Je größer die Not

in der Familie ist, desto unsichtbarer wird sie meist.

Der Grund dafür sind tief verwurzelte Trennungsängste,

wenn Kinder und Eltern befürchten, dass das Jugend-

amt eingreift und die Kinder wegholt.“ Also bemühen

sich die Minderjährigen immer weiter, die Lücke zu fül-

len, die die Krankheit oder Behinderung des Elternteils

gerissen hat, und einen möglichst normalen Familien-

alltag aufrechtzuerhalten – oft über die eigenen Kräfte

hinaus.

Spezifische Hilfsangebote sind rar

Die Pflegekassen kennen bei Weitem nicht alle Fälle.

„Viele der betroffenen Eltern haben keine Pflegestufe;

andere wollen die Pflegestufe nicht, zum Beispiel aus

Scham“, berichtet Metzing. Dabei bringt eine Pflege-

stufe zumindest eine spürbare finanzielle Entlastung.

Zudem wird der Zugang zu praktischen Hilfen wie etwa

einem ambulanten Dienst erleichtert. Allerdings ist der

im 24-Stunden-Pflegealltag eines minderjährigen Kin-

des nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Viele der be-

troffenen Familien bräuchten weit mehr unkomplizier-

te, wohnortnahe, zielgerichtete Unterstützung. Ein

flächendeckendes, etabliertes Netzwerk für die Ziel­

gruppe „Pflegende Kinder und ihre Eltern“ gibt es nicht.

Projekte wie die „Young Carers“ in Bad Segeberg, die

Austausch und Beratung für pflegende Kinder organi-

sieren, sind die Ausnahme.

Betroffene Familien müssen mühsam und oft in mehre-

ren Etappen Hilfe suchen. „Kinder können sich immer

an Vertrauenslehrer oder Sozialarbeiter in der Schule

oder auch an den Kinderarzt wenden“, rät Dubler. Für

Eltern, ob mit oder ohne Pflegestufe, sind die Pflege-

stützpunkte sowie Beratungsstellen zu Erziehungs­

fragen wichtige Anlaufpunkte. „Selbst wenn die Mit­

arbeiter dort nicht die richtigen Ansprechpartner sind,

werden sie das Anliegen in die richtigen Bahnen leiten.“

Pflege im Verborgenen – wenn Minderjährige ihre Eltern pflegen

Weitere Informationen

Behinderte und chronisch kranke Eltern finden

hier umfangreiche Informationen und eine Online-

Beratung:

www.behinderte-eltern.de

Kinder krebskranker Eltern finden hier viele

Informationen und Anregungen:

www.kinder-krebskranker-eltern.de

Das Projekt „Young Carers“ betreibt die Seite

www.youngcarers.de