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„Betroffen sind die Kinder von Eltern mit einer körper­

lichen Behinderung wie Multipler Sklerose oder einer

spastischen Lähmung, einer psychischen Behinderung

oder einer Suchterkrankung“, beschreibt Patricia Dub-

ler, Beraterin bei der VIF – Vereinigung Integrations­

förderung e.V. in München. Belastbare Daten über die

in Deutschland Betroffenen gibt es derzeit nicht. Unter­

suchungen aus England zeigen, dass dort 1,5 Prozent

aller Minderjährigen regelmäßig für einen oder mehre-

re Angehörige sorgen, ihnen helfen und sie pflegen.

Pflegewissenschaftler schätzen, dass die Zahlen in

Deutschland in etwa vergleichbar sind. Das bedeutet:

Hierzulande sind rund 225.000 Kinder und Jugendliche

an der Pflege eines Elternteiles beteiligt.

Minderjährige übernehmen unterschiedliche

Pflegeaufgaben

Sabine Metzing, Juniorprofessorin an der Universität

Witten/Herdecke, hat mehrere Studien zur Lebenssitua­

tion dieser Minderjährigen durchgeführt. „Wir gehen

davon aus, dass überall da, wo ein Elternteil chronisch

erkrankt ist, Kinder davon in der einen oder anderen

Art berührt sind. Dabei geht es gar nicht zentral darum,

dass Kinder die Pflege des Kranken übernehmen,

sondern darum, dass sie den Familienalltag in einem

erheblichen Maße mitgestalten und dafür Verantwor-

tung tragen“, sagt die Pflegewissenschaftlerin. „Diese

Lebenssituation hat für die Kinder durchaus nicht nur

nachteilige Auswirkungen. Sie sind früh selbständig

und bekommen viel Anerkennung. Das ist gut für ihr

Selbstwertgefühl.“ Die Minderjährigen erfüllen zum

Beispiel hauswirtschaftliche Aufgaben, die die er-

krankte Person nicht mehr durchführen kann, kochen

etwa für die Familie, räumen auf und entsor-

gen den Müll. Häufig übernehmen sie

körperbezogene und medizinische Pflege-

tätigkeiten wie An- und Auskleiden,

Körperhygiene, Hilfe bei der Nahrungs-

aufnahme oder das Bereitlegen von

Medikamenten.

Pflege im Verborgenen –

wenn Minderjährige ihre Eltern pflegen

Pflege im Verborgenen – wenn Minderjährige ihre Eltern pflegen

Häusliche Pflege schultern in den meisten

Fällen Ehefrauen, gefolgt von Töchtern, dann

Ehemännern und Söhnen. Fast immer sind die

pflegenden Angehörigen Erwachsene. Es gibt

aber auch Haushalte, in denen Minderjährige

an der Pflege eines Elternteiles mitwirken.

Die Gruppe der pflegenden Kinder und Jugend­

lichen ist bislang schlecht erforscht und wird

nicht zuletzt deshalb bei der Organisation der

Pflege-Hilfsstrukturen vernachlässigt.