Previous Page  7 / 8 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 7 / 8 Next Page
Page Background

7

Tabuthema Gewalt – wenn Pflegende zu Opfern werden

frühere, nicht verarbeitete Konflikte im Miteinander,

der hohe Erwartungsdruck durch den Pflegebedürftigen

oder das soziale Umfeld ein Nährboden sein für Wut

oder Aggression. „Typische Reaktionen der pflegenden

Angehörigen auf aggressive Verhaltensweisen des

Pflegebedürftigen sind, dass sie ungeduldig werden,

die Beziehungsebene vernachlässigen, den Pflegebe­

dürftigen verantwortlich machen für alles, was er dem

Angehörigen zumutet, oder auch selbst aggressiv wer­

den“, berichtet die Psychologin. Jede so geartete Situa­

tion birgt die Gefahr, dass eine Spirale der Gewalt ent­

steht und außer Kontrolle gerät.

Gefährliche Situationen vermeiden,

Abgrenzung suchen

Damit das nicht passiert, sollte jegliche Aggression von

vornherein vermieden werden. „Wenn man bei genaue­

rem Hinsehen feststellt, dass es ein Muster gibt, nach

dem immer in ähnlichen Situationen Aggressionen

ausbrechen, kann man versuchen, diese Situationen

zu vermeiden“, rät Mediatorin Tammen-Parr. Vor Akut­

fällen ist allerdings niemand gefeit. Jede Konstellation

ist beim ersten Mal für alle neu. Auch verändert sich

das Miteinander im Laufe der Pflege. Bevor sich der

Pflegende und der pflegebedürftige Angehörige wech­

selseitig hochschaukeln, muss die Auseinanderset­

zung durchbrochen werden. „Laute, durchaus scharfe

Zurückweisung ist erlaubt – auch bei Demenzkranken“,

sagt Tammen-Parr. Es sei auf Dauer keine Lösung, aus

Rücksicht auf den Pflegebedürftigen

alles zu ertragen und die Opferrolle

anzunehmen.

Deeskalierend wirkt immer auch

klare Abgrenzung. „Sobald Signale

im Vorfeld wahrgenommen werden,

etwa Hohn, Ironie, aggressiver Ton,

übertriebene Bewertungen oder Un­

wahrheiten, erscheint es sinnvoll,

sich körperlich zu distanzieren“,

empfiehlt Nacht-Gantzberg. Wenn

der pflegende Angehörige vorüber­

gehend den Raum verlässt, können

beide wieder zur Ruhe kommen.

„Ist der Pflegebedürftige noch

geistig rege, kann man dann das

Gespräch suchen und beratschla­

gen, was man gemeinsam anders

machen kann“, schlägt Beraterin

Tammen-Parr vor.

Stärkung durch Hilfe von außen

Wenn eine solche Konfliktsituation einmal auftritt,

rufen die Betroffenen in der Regel nicht bei der Tele-

fonberatung an, so die Beobachtung von Tammen-Parr.

Wiederholen sich hingegen Aggressionsausbrüche,

werden sie ein dauerhaftes Problem. Das zu erken-

nen, ist ein wichtiger Schritt und Voraussetzung dafür,

Hilfe von außen zu suchen und anzunehmen. Gute

Ansprechpartner sind über Krisentelefone und Bera­

tungsstellen für pflegende Angehörige zu finden.

„In der Regel sucht nur einer der Betroffenen Beratung

bei uns oder anderswo. Doch das kann schon viel be­

wegen. Es kann helfen, Verhaltensmuster zu durch-

brechen“, berichtet Beraterin Tammen-Parr. Wer von

außen eine Konfliktsituation betrachtet, kann den Blick

für Aspekte öffnen, die man vielleicht selbst übersehen

hat. Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass die

pflegenden Angehörigen hier unterstützt werden, sich

emotional abzugrenzen. Auch eine Angehörigengruppe

kann wertvolle Hilfe bieten, so die Beraterin. Das Wis­

sen, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind und

dass Aggressionen im Pflegealltag meist nicht gegen

die Person des Pflegenden gerichtet sind, gibt Kraft.

Das hilft dabei, nicht nur die nächste Akutsituation

mit geringeren Verletzungen zu überstehen, sondern

auch den Pflegealltag insgesamt.

*

Name von der Redaktion geändert