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Tabuthema Gewalt – wenn Pflegende zu Opfern werden

den-Haaren-Ziehen. Schwere körperliche Gewalt, so

die Beobachtung der Beraterin, trete vor allem in Per­

sonenkonstellationen auf, in denen körperliche Gewalt

auch schon vor der Pflege vorgekommen sei. „Darüber

hinaus gibt es auch verdeckte Formen von Gewalt und

Aggressionen“, sagt Psychologin Nacht-Gantzberg und

nennt einige Beispiele: Der Pflegebedürftige zeigt keine

Reaktionen, er widersetzt sich der Pflege, verweigert

den Kontakt, kooperiert nicht oder verschmutzt sich

auch bewusst.

Offene wie verdeckte aggressive Verhaltensweisen sind

für den pflegenden Angehörigen gleichermaßen demü­

tigend und frustrierend. Es ist eine enorme Herausfor­

derung, diese Situationen gelassen zu meistern. „Manch

ein pflegender Angehöriger schweigt aus Angst und

Scham und nimmt die Frustrationen hin“, beschreibt

Nacht-Gantzberg. Doch neben der Dauer-Anspannung

und Überforderung im Pflegealltag insgesamt können

auf der Seite des pflegenden Angehörigen ebenfalls

„Die Stimmung zwischen uns wird immer schlimmer.

Wir schreien uns an. Mein Mann drängt mich auch

mit dem Rollstuhl in die Raumecke und schlägt mich

manchmal“, beschreibt sie dort. Sätze wie diese hört

Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr oft in ihrer Be­

ratung. „Bis zu seinem Schlaganfall war dieser Mann

sehr vital. Die Trauer darüber, was er alles verloren

hat, dass er der ganzen Körperlichkeit beraubt worden

ist, schlägt bei ihm um in Angst und Aggression. Die

richtet sich gegen die Person, die ständig um ihn ist,

nämlich seine Frau“, erklärt die Mediatorin die Entste­

hung von negativen Gefühlen und ihrer Entladung

in aggressiven Verhaltensweisen.

Ursachen …

Daniela Nacht-Gantzberg, Psychologin aus Düsseldorf,

macht in ihrer Praxis ähnliche Erfahrungen. „Viele Pfle­

gebedürftige können ihre eigene Hilflosigkeit und die

wachsende Fremdbestimmung nicht ertragen“, erklärt

sie. Oft machten sie den pflegenden Angehörigen zum

Sündenbock. „Es kann auch passieren, dass frühere

emotionale Wunden oder Konflikte im Umgang mit

dem pflegenden Angehörigen, die noch nicht verges­

sen oder verarbeitet sind, immer wieder hochkommen.“

Persönlichkeitsmerkmale wie eine hohe Erwartungs­

haltung sich selbst und anderen gegenüber oder allge­

meine Ungeduld können erschwerend hinzukommen.

Manch ein Pflegebedürftiger kommt zudem mit der

eigenen Ohnmacht oder auch mit dem Verlust an Inti­

mität schwer zurecht und empfindet Scham, Angst

oder depressive Zustände. Solche negativen Gefühle

schlummern oft im Untergrund oder werden gezielt

unterdrückt, bis eine akute kritische Situation sie an

die Oberfläche bringt, etwa dann, wenn der Pflege­

bedürf­tige gefüttert werden muss.

… und Erscheinungsformen von Aggressionen

Genauso vielfältig wie die Ursachen von Gewalt seitens

eines Pflegebedürftigen sind ihre Erscheinungsformen.

„Aggression entlädt sich wohl am häufigsten in verbaler

Form – durch Schimpfen, Drohungen, Meckern und

Vorwürfe“, sagt Beraterin Tammen-Parr. Formen körper­

licher Aggression sind Bespucken, Schlagen oder An-

Tabuthema Gewalt – wenn Pflegende zu Opfern werden

Martin Kutscher* hatte vor wenigen Monaten einen Schlaganfall. Seither ist

er halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Frau pflegt

ihn zuhause und gerät dabei immer wieder an ihre Grenzen. Deshalb hat sie

Hilfe bei der Berliner Beratungsstelle „Pflege in Not“ gesucht.