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Die Sonne scheint durchs Fenster. Eine Freundin hat

angerufen. Das Gesicht des demenzkranken Angehörigen

hat sich bei einem Lied aus dem Radio erhellt. Solche

frohen Momente gibt es auch im häuslichen Pflege­

alltag – wenn man denn Kraft und Muße hat, sie über­

haupt wahrzunehmen. „Manchmal dauert die Pflege

Jahre. Sie wird immer intensiver, gleichzeitig werden

die eigenen Kräfte geringer“, beschreibt Imke Wolf,

Projektleiterin der psychologischen Online-Beratung

pflegen-und-leben.de

in Berlin. „In dieser Situation

besteht die große Gefahr, dass man einen Tunnelblick

entwickelt und alles nur noch als belastend, schwierig

und negativ erlebt. Gerade bei Stress sieht man manch­

mal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.“

Schöne Momente sehen lernen

Es gilt, den Blick für frohe Momente zu schärfen. Das

gelingt nur, wenn man Abstand zum eigenen Alltag

gewinnt, innehält und genau hinschaut, wo sich das

Schöne verbirgt. Anstöße von außen können nützliche

Wegbereiter sein. „Wir geben unseren Ratsuchenden

dazu gerne kleine Aufgaben. Sie können zum Beispiel

jeden Abend vor dem Schlafengehen den Tag kurz Re­

vue passieren lassen und sich einen Moment suchen,

den sie als schön empfunden haben“, sagt Psycholo­

gin Wolf. Eine gute Hilfe ist dabei ein Tagebuch. Auch

Gespräche mit nahen Familienmitgliedern und Freun­

den, mit dem Hausarzt oder dem Psychotherapeuten

können helfen, Abstand zu sich selbst zu finden. „Wir

stellen Ratsuchenden auch die Frage, warum sie die

Pflege übernommen haben. Indem sie darüber nach­

denken, wird vielen Betroffenen das positive Grundge­

fühl, die Liebe zu ihren Angehörigen, wieder bewusst.

Diese Frage kann aber auch zu einer Neubewertung

der gesamten Pflegesituation führen“, sagt Wolf.

Nicht selten verstellt das eigene schlechte Gewissen

den Blick auf alles Schöne. „Die meisten pflegenden

Angehörigen haben die Pflege aus Zuneigung und

Liebe übernommen, oft jedoch auch aus moralischer

Verpflichtung“, fasst Frank Schumann von der Landes­

fachstelle für pflegende Angehörige in Berlin zusam­

men. „Gerade bei Ehepartnern kommt es häufig vor,

dass sie sich versprochen haben, füreinander zu sor­

gen.“ Im Alltag spüren die pflegenden Angehörigen

dann einen hohen Erwartungsdruck. „Sie haben das

Gefühl, ihre moralische Verpflichtung nicht ausreichend

zu erfüllen, wenn sie sich etwas gönnen, und haben

ein schlechtes Gewissen, wenn sie etwas für sich

selbst tun.“ Dieses Dilemma ist nur schwer zu durch­

brechen. Schließlich sind alle – Pflegebedürftige, pfle­

gende Angehörige und das Umfeld – daran gewöhnt,

dass die Pflege stets Priorität hat. Umgekehrt ist das

schlechte Gewissen geringer, wenn kleine Freuden von

Anfang an zum Pflegealltag gehören. In dieser Grund­

linie können Familie und Freunde die pflegenden Ange­

hörigen moralisch bestärken.

Zusätzliche Momente der Freude schaffen

Ein schlechtes Gewissen ist neben praktischen Schwie­

rigkeiten das Haupthindernis, wenn es darum geht,

sich Freiräume zu schaffen und etwas Freude zu gönnen.

„Jeder pflegende Angehörige braucht kleine eigene In­

seln für sich. Wie groß sie sein müssen, wie häufig und

wann im Pflegealltag sie umgesetzt werden müssen, ist

individuell unterschiedlich“, beschreibt Psychologin

Wolf. „Dem einen helfen mehrfach am Tag fünf Minuten

zum Durchatmen, der andere braucht einmal die Woche

seinen festen Sportabend.“

Besagte fünf Minuten lassen sich relativ leicht in den

Alltag einbauen. Größere Freiräume hingegen müssen

organisiert werden. „Voraussetzung dafür ist immer,

dass der pflegende Angehörige Hilfsmöglichkeiten von

außen kennt und nutzt. Nur wenn der Pflegebedürftige

versorgt ist, hat sein Angehöriger ein ruhiges Gewissen

und ist innerlich frei, sich auf schöne Momente einzu­

Kleine Freuden im

Pflegealltag

Kleine Freuden im Pflegealltag

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie betreuen einen pflegebedürftigen Menschen

zu Hause und sorgen mit hohem persönlichen Ein-

satz dafür, dass er weiterhin in seiner vertrauten

Umgebung bleiben kann.

Während Ihrer Pflegetätigkeit sind Sie automatisch

gesetzlich unfallversichert. Welche Leistungen da-

mit verbunden sind, erfahren Sie in diesem Info-

Brief. Gleichzeitig möchten wir Ihnen dabei helfen,

bei der Pflege selbst gesund zu bleiben.

Wir hoffen, dass Sie diesen Info-Brief gern lesen.

Die Adresse der Redaktion finden Sie auf der letzten

Seite.