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Bei Routinetätigkeiten

werden

die Gefahren leicht unterschätzt

Interview mit Dr. Hiltraut Paridon

Dr. Hiltraut Paridon

ist Arbeits­

psychologin am Institut für Arbeit

und Gesundheit (IAG) der Deutschen

Gesetzlichen Unfallversicherung

(DGUV).

Interview: Mirjam Ulrich, freie Journalistin, Wiesbaden.

Durch Unfälle im Haushalt verunglücken mehr als 9.000 Men-

schen im Jahr tödlich. Doch viele Leute haben mehr Angst

vor einem Flugzeugabsturz als vor einem Sturz daheim.

Die Arbeitspsychologin Hiltraut Paridon vom Institut für

Arbeit und Gesundheit (IAG) erläutert, warum.

SICHER zu Hause & unterwegs: Viele Menschen steigen

mit einem mulmigen Gefühl ins Flugzeug, daheim aber

bedenkenlos auf einen Hocker, um die Gardinen abzuneh-

men. Dabei ist das statistisch gesehen viel gefährlicher.

Wie kommt das?

Das hängt damit zusammen, wie wir Risiken einschätzen.

Wir tun das auf der Grundlage verschiedener Erfahrungen

und unseres Wissens. Zum einen spielt dabei unsere Gefah-

renwahrnehmung eine Rolle, also die Frage: Für wie gefähr-

lich halte ich etwas? Dem steht gegenüber, wie gefährlich

etwas tatsächlich ist. Untersuchungen zur Arbeitssicherheit

haben gezeigt, dass wir zu 70 Prozent die Gefahr von Tätig­

keiten richtig einschätzen. Bei jeweils 15 Prozent der Tätig­

keiten wird die Gefahr aber überschätzt beziehungsweise

unterschätzt.

Bei fast einem Drittel der Fälle liegen wir also falsch.

Genau. Das Interessante dabei ist, dass bei den unterschätz-

ten Tätigkeiten viel mehr Unfälle passieren als bei den über-

schätzten – ungefähr sechs Mal so viele. Lernprozesse sowie

sogenannte Heuristiken spielen bei unserer Einschätzung

eine wichtige Rolle. Heuristiken sind kognitive Daumenre-

geln, nach denen wir schnell Schlüsse ziehen.Wir greifen

auf Informationen in unserem Gehirn zurück. Bei Flugzeug­

abstürzen und Haushaltsunfällen zeigt sich das sehr deutlich.

Über Flugzeugabstürze wird in den Medien bundesweit be-

richtet, sie erregen viel Aufmerksamkeit. Darum wird die

Gefahr von vielen Menschen überschätzt, dabei ist es das

sicherste Verkehrsmittel. Bei Haushaltsunfällen starben im

Jahr 2014 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes

9.044 Menschen – im Schnitt also jeden Tag fast 25. Doch

die kommen nicht in die „Tagesschau“.

Wiegen wir uns daheim also in falscher Sicherheit? Immer-

hin ereigneten sich im Jahr 2014 nach Schätzungen des

Robert-Koch-Instituts 3,15 Millionen Unfälle im Haushalt.

Ja. Und das hat etwas mit den erwähnten Lernprozessen zu

tun. Entscheidend sind hier die Konsequenzen unseres Ver-

haltens.Wir steigen 1.000 Mal auf einen Stuhl, obwohl wir

davor gewarnt wurden, und es passiert nichts. Bleiben nega­

tive Folgen aus, verstärkt dies riskantes Verhalten. Es geht

alles gut, wir halten es für ungefährlich. Gerade bei Routine-

tätigkeiten werden die Gefahren leicht unterschätzt. Aber

die Gefahr bleibt, dass wir beim 1.001 Mal vom Stuhl fallen

und uns verletzen.

Stürze sind die häufigste Unfallursache. Passiert das nur

älteren Menschen?

Jüngere Menschen stolpern genauso, sie haben aber noch

andere Abfangmechanismen. Darum ist Training sehr, sehr

gut für Ältere – sie stolpern dann zwar immer noch, aber

die Schäden sind weniger schlimm. Sie können sich besser

abfangen oder zumindest besser abrollen als jemand, der

steif ist und sich im Fallen auch noch mehr versteift.

Was kann denn jede und jeder tun, um daheim sicherer

zu sein – gerade im Hinblick darauf, dass der Mensch ein

Gewohnheitstier ist?

Wichtig ist, sich diese Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Und zu schauen, wie man gute Voraussetzungen für sicheres

Verhalten schafft.Wenn man schnell an die Leiter heran-

kommt und nicht erst in den Keller gehen muss, benutzt man

sie eher. Außerdem sollte man sich seiner Routinen bewusst

werden. Sobald Tätigkeiten zur Routine werden, wird es ge-

fährlich. Außenstehende sehen das eher. Kinder, zum Beispiel,

sind sehr gute Beobachter und sagen es einem rundheraus,

wenn man sich selbst nicht an das hält, was man ihnen sagt.

Eine Trittleiter sollte stabil gebaut und sicher sein.

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SI CH E R zu H au s e & un te r we g s

4 /2016

Haushalt