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Während die einen sich in den Armen liegen und ein frohes

neues Jahr wünschen, verbringen andere die Silvesternacht

in der Notaufnahme. Grund sind schwere Verletzungen der

Hände durch meist illegale Böller. SICHER zu Hause & unter-

wegs sprach darüber mit Professor Dr. Andreas Eisenschenk.

Er ist Chefarzt der Abteilung für Hand-, Replantations- und

Mikrochirurgie des Unfallkrankenhauses Berlin, zugleich Leiter

der Dieter Buck-Gramcko-Stiftungsprofessur – Hand- und

funktionelle Mikrochirurgie-Universitätsmedizin Greifswald–

sowie Post-Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für

Handchirurgie. Professor Eisenschenk ist bundesweit als der

„Handpapst“ bekannt und anerkannt.

SICHER zu Hause & unterwegs: Beim Zünden von Knallern

und Raketen kann einiges schiefgehen – besonders mit

selbst gebastelten oder illegalen Feuerwerkskörpern aus

Osteuropa.Welche Erfahrungen machen Sie bei Unfall­

patienten und wie haben sich die Unfallzahlen entwickelt?

Vor allem die Schwere der Verletzungen hat in den letzten

Jahren eher zugenommen. Die meisten ernsthaften Verlet-

zungen werden durch nicht regulär hergestellte Böller ver-

ursacht, die sich durch einen Funken selbst entzünden oder

durch nicht vorschriftsmäßigen Umgang explodieren – weil

sie sich entweder aneinander reiben oder aber an Streich­

hölzern, die sich ebenfalls in der Tasche befinden. Und Knal­

ler, die noch in der Hand explodieren, führen zu besonders

schlimmen Unfällen. Die Hand kann übel zerfetzt, dabei Ner-

ven, Gefäße und Knochen durchtrennt werden. Oder durch

die Explosion werden Finger, ja im schlimmsten Fall wird die

komplette Hand abgerissen. Etwa fünf solcher Fälle haben

wir leider immer in der Silvesternacht.

Was sind das für Patienten, die bei Ihnen landen?

Es sind vorrangig Männer. Sowohl sehr junge männliche

Patienten im Alter unter 20 Jahren als auch 45- bis 60-Jährige,

bei denen oft der Alkoholrausch zum Leichtsinn führt. Aber

am Neujahrstag gibt es manchmal auch ganz kleine Kinder,

die verletzt sind, weil sie auf der Straße oder auf dem Spiel-

platz Blindgänger gefunden haben.

Verletzungen durch Böller sind speziell

und damit besonders schwierig zu behandeln.

Warum? Lassen sich lädierte Finger oder die zerfetzte

Hand wieder ohne Einschränkung herstellen?

Anders als bei glatten Schnittwunden haben wir es bei Böller-

verletzungen mit zerfetztem Gewebe zu tun. Es braucht in

der Regel mehrstündige oder sogar mehrere Operationen für

die Rekonstruktion oder im Notfall für die Amputation. Gene-

rell gilt: Nichts wird nach einer schweren Verletzung, wie es

mal war. Einschränkungen bleiben bei Gefühl oder Funktion.

Was ist im Notfall zu tun? Wie kann man als Zeuge

eines Böller-Unfalls helfen, wenn die Hand so stark

verletzt ist?

Natürlich sofort die Rettung alarmieren. In der Regel blutet

dieWunde nicht sehr stark, denn die Gefäße verkleben. Im

Falle einer starken Blutung abbinden. Amputate wie Finger

beziehungsweise die teilamputierte Hand unbedingt auf-

sammeln. Es ist makaber, aber Realität: Die Körperteile ver-

schwinden sonst schnell, wenn Hunde, Katzen oder Vögel

sie finden. Einfach die Gliedmaßen-Stücke in ein Tuch ein­

wickeln. Das muss nicht steril sein – Hauptsache, sie sind

gesichert, damit wir sie wieder annähen können.

Handverletzungen

durch Silvesterböller

Interview mit Professor Dr. Andreas Eisenschenk

Prof. Dr. Andreas Eisenschenk,

Generalsekretär der Deutschen

Gesellschaft für Handchirurgie

Interview: Adrienne Kömmler, freie Journalistin, Berlin.

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfall­

chirurgie (DGOU) rät zum sorgsamen Umgang mit

Feuerwerkskörpern und gibt folgende Tipps:

Feuerwerkskörper nur im Fachhandel kaufen.

Gebrauchsanweisung lesen. Auf CE-Zeichen und

BAM-Prüfnummer achten.

Finger weg von selbst gebastelten oder manipulierten

Feuerwerkskörpern! Keiner weiß, wann und wie sie

explodieren.

Nur Feuerwerkskörper verwenden, die nicht in der

Hand gezündet werden müssen. Vorräte nie am Körper

tragen, sondern im sicheren Abstand lagern.

Feuerwerkskörper, die nicht explodiert sind, sofort

entsorgen und nicht noch einmal zünden! Das schützt

Kinder und Jugendliche, die an Neujahr Blindgänger

sammeln und nachzünden.

Knaller und Böller sollen für Kinder und Jugendliche

tabu sein. Besonders gefährdet: männliche Jugendliche

von 14 bis 18 Jahren.

Nicht alkoholisiert knallen und einen Sicherheitsabstand

einhalten! Alkohol enthemmt und macht unvorsichtig.

Tipp

7

SI CH E R zu H au s e & un te r we g s

4 /2016

Freizeit