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SICHER zu Hause & unterwegs:

In Deutschland werden immer häufiger Rollatoren ver-

schrieben. Um 38 Prozent sind die Verordnungen in den

letzten fünf Jahren gestiegen. Der stärkste Anstieg ist

vor allem bei vergleichsweise jungen Nutzern, den 60-

bis 69-Jährigen, zu verzeichnen.Werden diese Gehhilfen

zu früh und zu häufig eingesetzt?

Ich glaube tatsächlich, Rollatoren werden häufig zu schnell

und leichtfertig verschrieben. Denn sie sind oft nur eine Pseu-

dohilfe. Sie geben zwar das Gefühl, einen Halt zu bieten, und

dieses Gefühl ist ohne Zweifel wichtig, wenn beispielsweise

gelegentlich Schwindel auftritt. Doch ob dieser Effekt eine

solch inflationäre Verordnungsweise rechtfertigt, wage ich

zu bezweifeln. Denn gleichzeitig verführt der Rollator viele

ältere Menschen dazu, sich weniger zu bewegen.Weil er für

sie ein Indiz ist, dass sie gehandicapt sind. Ich denke, statt

Senioren mit einem Rollator auszustatten, sollte man sie

häufiger motivieren, sich aktiv zu bewegen und ihre Mus-

kulatur zu kräftigen.

Warum verordnen die Ärzte denn so viel häufiger

Rollatoren? Können Sie sich das erklären?

Nein, das kann ich schlecht einschätzen. Aber vielleicht

wollen viele Patientinnen und Patienten einen Rollator, weil

sie denken, sie bräuchten eine passive Hilfe. Viele wissen

vermutlich nicht, dass sie mit einem aktiven Training ihrer

Muskulatur sehr viel bessere Effekte erzielen können. Ich

denke aber, das wird sich im Laufe der Zeit herumsprechen.

Und vielleicht haben sich nur wenige Mediziner bisher ein-

mal ausführlicher mit der Biomechanik des Rollator-Gehens

beschäftigt.

Was meinen Sie damit?

Die allermeisten Benutzer und Benutzerinnen stehen und

gehen nicht aufrecht, wenn sie den Rollator benutzen, son-

dern sie gehen vornübergebeugt, so, als würden sie dem

Rollator hinterherrennen. Und dieser Gang ist eine Katas­

trophe für die gesamte Rückenmuskulatur, weil sie dadurch

überlastet wird und Schmerzen verursacht.

Das heißt: Eigentlich bräuchten die Senioren eine

Gehschule für den Rollator?

Genau.Wenn ein Rollator verschrieben wird, sollte gleich­

zeitig verordnet werden, dass das richtige Gehen damit geübt

wird. Denn nur, wenn wir gerade stehen, wenn sich der Kör-

perschwerpunkt senkrecht über dem Becken im Lot befindet,

verfügen wir über eine stabile Statik. Und die können wir in

jedem Alter trainieren.

Mal ganz konkret:Wann halten Sie den Einsatz eines

Rollators für sinnvoll? Und wann sollte man lieber darauf

verzichten?

Diese Diskussion kenne ich aus Erfahrungen mit meiner

Mutter, die auch lange einen Rollator benutzt hat, obwohl

sie noch ganz gut ohne ihn klarkam. Ich denke, der Rollator ist

zum Beispiel bei längeren Strecken eine Hilfe, weil man sich

dann auch mal zwischendurch hinsetzen und ausruhen kann,

falls einem schwindelig wird. Auch wenn Einkäufe transpor-

tiert werden müssen, ist es natürlich sinnvoller, den Rollator

zu benutzen, statt die Tüten zu schleppen. Aber zu Hause

oder auf kurzen Strecken, wann immer es möglich ist, sollte

man auf ihn verzichten. Auch wenn es nur ein paar Schritte

oder Meter sind, können so immer mal wieder kleine Trai-

ningseffekte erzielt werden.

Der Rollator

ist oft eine Pseudohilfe

Interview mit Prof. Klaus-Michael Braumann

Wenn das Gehen beschwerlicher wird, können Rollatoren Halt

und ein Gefühl der Sicherheit geben. Doch oft werden sie zu

früh und falsch eingesetzt. Darauf weist der Sportmediziner

Professor Klaus-Michael Braumann hin. Er lehrt an der Uni-

versität Hamburg und ist seit 2012 Präsident der Deutschen

Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP).

Das Interview führte: Elisabeth Hübner, Journalistin, Hamburg.

Prof. Klaus-Michael Braumann,

Präsident der Deutschen Gesellschaft

für Sportmedizin und Prävention

(DGSP)

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SI CH E R zu H au s e & un te r we g s

2/2016

Senioren