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Im Sommer 2015 herrschten große Hitze und Trockenheit. Beim

Menschen führen diese extremenWetterbedingungen zu kör-

perlichem Stress, der mit erhöhter Aufnahme von Getränken

gemildert werden kann. Pflanzen „empfinden“ ähnlich und

brauchenmehrWasser, vornehmlich in den Abendstunden, da-

mit der Stresspegel in der Pflanze sinkt. Wo der menschliche

Körper in der Ausnahmesituation auf Stress mit Unwohlsein

wie Kopfschmerzen und Muskelverspannung reagiert, haben

auch Pflanzen eine Abwehrhaltung, die sie über Generationen

erprobt haben. Die Zucchini zum Beispiel produziert bei Stress

verstärkt giftige Bitterstoffe. In der freien Natur ist dies auch

ein wirksames Mittel gegen erhöhten Insektenbefall – die Pla-

gegeister hassen Bitteres. ImLaufe der Pflanzenzüchtung jedoch

hat der Mensch den Zucchini und den zur gleichen Pflanzenfa-

milie gehörenden Kürbissen diese normale Produktion abge-

wöhnt. So wurden die großen Früchte für denMenschen essbar.

Inzucht auf dem Acker

Doch wie kommt es dann, dass die todbringende Zucchini wie

ihreVorfahren giftige Bitterstoffe produziert hat? Ermittlungen

im Fall des Rentners ergaben, dass er für die Aussaat über Jah-

re Saat aus den Früchten des jeweiligen Vorjahres verwendet

hatte. Um zu verstehen, welche Folgen dies hat, hilft die Verer-

bungslehre weiter. Auch bei den Pflanzen finden wir das weib-

liche Geschlecht mit Fruchtknoten, Eizelle und Stempel sowie

das männliche Geschlecht, den Pollen. BeimVerschmelzen von

Eizelle und Pollen werden die unterschiedlichen genetischen

Eigenschaften auf das neue Saatkorn übertragen. Eine Pflanze,

die aus diesemSaatkorn entsteht, besitzt die Eigenschaften der

„Mutterpflanze“ und der„Vaterpflanze“. Auf demZucchini-Beet

des Rentners, der immer wieder die Saatkörner seiner Pflanzen

zur Aussaat im nächsten Jahr genommen hatte, entstand über

die Jahre eine Inzuchtlinie; im Garten wuchsen über Jahre nur

direkt miteinander verwandte

Zucchini. Dabei erhielt die durch

Züchtung eigentlich in den Hin-

tergrund geratene Information,

giftige Bitterstoffe zu produzie-

ren, wieder Oberwasser.

Frisches Saatgut kaufen

Wie kann man sich nun davor

schützen? Kaufen Sie imHandel

frisches Saatgut. Dieses trägt

meistens den Hinweis F1 oder

F1-Hybride. Dieser Hinweis be-

deutet, dass das Saatgut, das

Sie am Ende der Kultur aus

den Früchten ernten, nicht die

Eigenschaften der vorherge-

henden Generation aufweist.

Folgekulturen haben somit nicht die gleichen Eigenschaften

wie die Sorte, die ursprünglich ausgesät wurde.

Und was ist mit den vielen Menschen, die sich für den Erhalt

alter Sorten engagieren? Sie sind schließlich darauf angewiesen,

Saatgut aus eigener Ernte weiterzuverwenden. Zur Entwarnung

sei gesagt, dass es sich bei den alten Gemüsesorten nicht im-

mer um F1-Hybride handelt, sondern um Pflanzen, die sorten-

reines Saatgut hervorbringen, vorausgesetzt, die Biene spielt

nicht „Pflanzenzüchtung“ und bringt den falschen Pollen.

Letztendlich kann nur der klare Menschenverstand vor einem

derartigen Vergiftungsunfall schützen. Schmeckt etwas nicht

wie erwartet oder ist es gar ungenießbar, muss man dringend

von dem Verzehr abraten.

Von Helge Masch.

Saatkörner vom eigenen Beet –

das Risiko wächst mit

Im Herbst 2015 starb ein Rentner nach dem Verzehr einer

Zucchini, die er im eigenen Garten angebaut und geerntet

hatte. Nach Angaben der Ehefrau habe die Zucchini sehr

bitter geschmeckt und sei eigentlich ungenießbar gewesen.

EinWarnzeichen, das der Rentner übersehen hatte?

Wie konnte es zu diesem tragischen Todesfall kommen?

Helge Masch ist Leiter des

Botanischen Sondergartens

Hamburg-Wandsbek.

Frisches Saatgut

verhindert Vergiftungen.

Zucchini produzieren bei extremenWetterbedingungen Bitterstoffe.

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SI CH E R zu H au s e & un te r we g s

2/2016

Freizeit