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Zu Besuch bei den

Supersaubermachmuttis

Mein Sohn Ole und ich sind bei Anna eingeladen, unserer rein-

lichen Nachbarin. „Huhu, könnt ihr Eure Schuhe im Hausflur

lassen?“, fragt sie zur Begrüßung.Willkommen in der Hygiene-

hölle! Es regnet, Annas Hausflur ist eine einzige Pfütze. Ich zer-

remeinemSohn die Gummistiefel aus, hebe ihn in dieWohnung

und trete, ups, in die Wasserlache. Anna holt mir plüschige

Gästelatschen und macht ein entschuldigendes Gesicht. Mit

nassen Strümpfen in fremden Latschen schlappe ich insWohn-

zimmer. Vor der Badezimmertür bleibt Anna stehen. Sie sagt:

„Falls Ihr Hände waschen wollt ...“ Wir wollen nicht, aber ich

weiß, dass wir müssen. Ich entscheide mich gegen Desinfek-

tionsmittel und für Minze-Bergamotte-Flüssigseife. Dann haben

wir es durch die Schleuse geschafft. Jetzt beginnt der lustige

Teil: Kaffeeklatsch mit Muttis. Plötzlich, ein schriller Schrei!

Anna stürzt auf Max zu. „Oh nein!“, ruft sie. „Saft auf dem Bo-

den!“ Ich zucke zusammen. Jetzt springt auch Sandra auf.

Sandra schreit:„Schnell,wo sind die Küchentücher?“ Sie schrub-

ben den Boden. Zu zweit.Todernst. Ich sehe einen kleinenTrop-

fen auf dem Parkett und betretene Kindergesichter.

Ja, ich bin ein Fan der Mindesthygiene. Ich vergesse abgelaufe-

ne Joghurts im Kühlschrank. Ich wische nicht täglich, ich finde

staubsaugen ausreichend und manchmal freut sich Ole, dass

sein Laster eine vergessene Erbse findet und sie abschleppen

kann. Bin ich ein Messi? Meine Freundinnen sagen zwar nein,

denken aber vielleicht das Gegenteil. Sie sagen: „Bei Dir ist es

so entspannt, Du regst Dich nicht über Schokoflecken auf dem

Tisch auf.“ Aber vielleicht meinen sie: „In Deinem Dreck fallen

Schokoflecken nicht mal mehr auf!“ Immerhin, mich hat noch

niemand gefragt, ob er eine andere Tasse bekommen könnte,

obwohl ich Geschirr anders als meine Freundin Steffi niemals

nachpoliere. Steffi fuchtelt aber auchmit demTaschentuch vor

der Nase ihres Sohnes herum und sagt:„Da glitzert doch was!“

Obwohl da nichts glitzert, jedenfalls kein Rotz.

Es gibt Studien, die behaupten, dass sich Hausarbeit positiv

auf die Psyche auswirkt. Ich vermute, dass Putzen deprimiert.

Das kann Ute Michaelis, Diplompsychologin in Köln, nicht be-

stätigen. Aber sie kennt das mütterliche Putz-Phänomen.„Die

Mutterrolle ist mit der Hausfrauenrolle noch immer eng ver-

knüpft“, erklärt sie mir amTelefon.„Wer eine gute Mutter sein

will, hat automatisch den Anspruch, auch eine gute Hausfrau

zu sein und dieWohnung picobello sauber zu halten.“ Ich freue

mich ein bisschen, als sie hinzufügt, dass es natürlich schlauer

sei, wir Frauen wären weniger perfektionistisch veranlagt und

könnten fiese Staubkörner zugunsten einer Sofapause igno-

rieren. Sie sagt: „Übertriebenes Putzen kann auch ein Zeichen

für übersteigerte Ansprüche an sich selbst sein. Manche Frau-

en sollten sich ab und zu fragen, was wichtiger ist: die polierte

Türklinke oder eine entspannte Mutter.“ Genau das wollte ich

hören. Ich habe noch nie eine Klinke geputzt, außer beruflich

natürlich.

Jetzt will ich noch wissen, warum der Hygienewahn erst mit

dem ersten Kind ausbricht. „Für viele Frauen verändert sich

durch die Geburt eines Babys innerlich viel. Sie tragen mehr

Verantwortung, entwickeln Ängste, auch Glücksgefühle, stehen

unter Stress. Je größer das emotionale Chaos, desto intensiver

das Bedürfnis nach äußerer Ordnung.“ Ich interpretiere das so:

Weil ein Kind unsere lieb gewonnenen Gewohnheiten durch-

einanderbringt, übertragen wir unser unbefriedigtes Kontroll-

bedürfnis auf den Haushalt.Warum das bei mir nicht geklappt

hat, kann Ute Michaelis per Ferndiagnose nicht sagen. Ich ver-

mute mal, dass ein bisschen Dreck auch glücklich macht. Und

ein Hort vonMikroorganismen, der sich zwischen den Teppich-

fransen versteckt, bringt ja auch Leben in die Bude.

Von Silia Wiebe, Journalistin, Hamburg.

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SI CH E R zuhau s e & un te r we g s

1/2016

Haushalt